Unterkunft suchen
Das aktuelle Wetter vor Ort
Fichtelberg
Do![]() -11 °C |
Fr![]() -15 °C |
Sa![]() -13 °C |
So![]() -9 °C |
Mo![]() -8 °C |
Do![]() -6 °C |
Fr![]() -11 °C |
Sa![]() -10 °C |
So![]() -8 °C |
Mo![]() -3 °C |
Gastgeber
Sie möchten mit Ihrer Unterkunft in das Gastgeberverzeichnis von erzgebirge.de?
Hier geht's zur AnmeldungWillkommen im Erzgebirge
Magazin präsentiert Montanregion Erzgebirge auf dem Weg zum UNESCO-Welterbe-Titel
Die Herbst-Winter-Ausgabe "WILLKOMMEN im Erzgebirge" zeigt dem Leser die Bergstädte Freiberg, Annaberg-Buchholz, Marienberg, Aue oder Schneeberg, fährt mit ihm unter Tage in die Gruben, aus denen all die Bodenschätze gehoben wurden. Die Spuren führen in außergewöhnliche Kirchen und Museen, aber auch auf Marktplätze und in Festsäle, wo Brauchtum und Tradition heute lebendig sind. Webtipps
| Und Sie finden jeden Anschluss in Sachsen! |
|
Erholen Sie sich bei einem Wellnessurlaub in den schönsten Wellnesshotels Deutschlands! |
| Immobilie, Wohnung, Haus - Online bei Immonet.de |
| Willkommen im Parkhotel Schwarzenberg. |
Volkskunst
Der Rüpel von Seiffen: Meister filigraner Kunst
In 100-jährigem Familienbetrieb wurde 1932 die Tischpyramide erfunden - Heute gehen die Marktstände von Werner Gläßer in alle Welt

Werner Gläßer denkt noch nicht ans Aufhören: Seine Marktstände sind bei Sammlern sehr gefragt. Jedes Jahr kommen zwei neue hinzu.
Seiffen. Wenn alljährlich zu Weihnachten viele Familien in festlich geschmückten Stuben zusammensitzen und sich auf dem Tisch eine kleine Pyramide dreht, dann bleibt deren Erfinder ungenannt. Denn kaum jemand weiß, wer sich die Tischpyramide eigentlich ausgedacht hat und dass sich eine solche 1932 zum ersten Mal in Bewegung setzte. Ihre Wiege steht in Seiffen und die Idee für jenen hölzernen Tannenbaum, unter dem sich ein Schäfer mit drei Schafen drehte, hatte der damals 26-jährige Kurt Gläßer, der damit einen durchschlagenden Erfolg landete. Die Nachfrage stieg ständig, so dass 1933 eine Krippenpyramide und ein Jahr später eine Hexenhauspyramide dazukamen. Bis zum Krieg blieb Kurt Gläßer einziger Hersteller von Kleinpyramiden. Er starb 1941 als Soldat in Polen, seine "Peremett" aber blieb bis 1966 das wichtigste Erzeugnis des kleinen Familienbetriebes, der in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen beging.
Seit 1963 leitet ihn Sohn Werner Gläßer, den viele Seiffener gar nicht unter diesem Namen kennen. Für die meisten im Dorf ist er noch immer "der Rüpel", weil er in jüngeren Jahren im Fußball wohl ein ziemlich harter Gegner gewesen sein muss. Aufsehen erregt der heute 67-Jährige aber vor allem, weil er gern die Schwachstellen seiner Mitmenschen aufs Korn nimmt. Er karikierte einmal die Seiffener als Männeln in einer Holzschale, die so groß war, dass die Figuren nicht über den Tellerrand schauen konnten. Er entwarf Leuchter für durch Hitze gekrümmte Kerzen, und er schuf eine Arbeit unter dem Titel "Kreuze im Gebirge" als Anspielung auf das Waldsterben.
Schon zu DDR-Zeiten landete Gläßer einmal einen Volltreffer. 1980 erhielt er den Auftrag, für die neu gestaltete Erzgebirgsstube im "Chemnitzer Hof" Figuren für die Wand über dem Stammtisch zu gestalten. "Ich wollte mich nicht unbedingt der hohen Schule der Volkskunst unterwerfen, sondern lieber etwas Lustiges kreieren", erinnert er sich. Und so entstand die "Lustige Kapelle", die bald ein Nachspiel haben sollte. Denn zwei Jahre darauf hatte Erich Honecker seinen 70. Geburtstag - und es war wohl festgelegt worden, dass die Geschenke aus seinem Wahlkreis Karl-Marx-Stadt kommen müssten. Dort sollen die Genossen in höchster Bedrängnis am Stammtisch im "Chemnitzer Hof" über ein passendes Präsent gegrübelt haben und auf die Kapelle aufmerksam geworden sein. "Ich musste also noch einmal so eine bunte fünfköpfige Band drechseln. Als Lohn bekam ich nicht nur 1250 DDR-Mark, sondern dazu einen so genannten Bilanzanteil zum Kauf einer Facondrehmaschine. Das glich fast einem Lotto-Gewinn", erinnert sich Gläßer, in dessen Frühstücksraum bis heute eine dritte Lustige Kapelle "spielt".
Für viele ist Werner Gläßer eigentlich kein typischer Seiffener. Typisch Seiffen ist die kleine Werkstatt, an der wiederum untypischerweise wenige Autos und kaum ein Bus halten, obwohl hier seit 100 Jahren Männeln gemacht werden. Aber wer beim Gläßer-Werner in der Bahnhofstraße hält, weiß dafür meist genau, was er will. Denn hier entstehen heute vor allem Raritäten für Sammler. Was Werner Gläßers Großvater Artur vor 100 Jahren in bescheidenen Umfängen begann, setzt sein Enkel in Perfektion seit 1985 fort. Damals suchte der nach einem Erzeugnis, mit dem er sich um die Anerkennung als Kunstschaffender des Handwerks bewerben wollte. "Unser normales Pyramidenprogramm reichte dafür nicht." Da kam ihm die Idee, Marktszenen in Anlehnung an die seines Großvaters zu gestalten. Bis heute sind dem rüstigen Handwerksmeister die Ideen nicht ausgegangen. Kunden und Sammler geben dabei Anregungen. Eine Schweizerin wünschte sich unlängst einen Stand mit Schweizer Käse. Eine Berliner Familie meinte, es gehörten in der heutigen Zeit auch Ausländer auf einen Markt. Ganz heiß sei eine japanische Unternehmerfamilie, die in England eine Reißverschlussfabrik besitzt, auf die Miniaturen. Sie macht deshalb regelmäßig einen Abstecher ins Spielzeugdorf. Das Problem sei, sich unter diesem Druck jedes Jahr Neues einfallen zu lassen, "aber eigentlich ist so ein Markt ein Endlos-Sortiment", beschreibt der Spielzeugmacher die Vorzüge.
Sein Markt-Platz umfasst inzwischen 20 verschiedene farbige Stände mit fast 80 Figuren. Eisverkäufer, Textilhändler, Blumenfrau und Gemüsehändler bieten ihre Waren feil, selbst das Toilettenhäuschen und ein Postwagen fehlen nicht. Bäumchen und Zäune komplettieren die Szenerie. In diesem Jahr fuhren erstmals sogar zwei Oldtimer vor, "mit dem Herrn von Schulz drin, der einstmals Schulleiter in Seiffen war, und der Frau Fanny, eine Freundin meiner Großmutter", wie Gläßer die Insassen beschreibt.
Alle Figuren haben Namen. "Das macht es einfacher, wenn wir über Nachschub reden, aber auch weil sich mit vielen Leuten Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend verbinden", räumt der agile Seiffener ein. So schiebt der Hübner-Rudi halt die Gemüsekarre, der Packel-Heinz stellt den Postmann dar, und der feine Herr Luther geht mit seiner Frau Gerda einkaufen. Grübchen graben sich in des Kunsthandwerkers Wangen, weil er darüber selbst lachen muss.
Im Jahr 2003 erhielt Gläßer für seine Marktstände einen der drei Hauptpreise "Tradition und Form", der jährlich vom Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeugmacher vergeben wird. In diesem Jahr kam noch ein Sonderpreis anlässlich des 100-jährigen Firmenjubiläums dazu. Ans Aufhören will der Meister nicht denken, denn keines seiner drei Kinder wird die Firma übernehmen. Eine Tochter heiratete in ein anderes Spielzeugunternehmen hinein. Der Sohn betreibt ein eigenes Geschäft und verkauft dort die Waren des Vaters. Die zweite Tochter arbeitet zwar - so wie auch Ehefrau Ursel - mit im Familienbetrieb, doch bis deren Sohn Pierre, der gerade ausgelernt hat, die Werkstatt dann in sechster Generation übernehmen kann, wird wohl noch etwas Zeit ins Land gehen. "Das Zeug dazu hat der Junge", ist sich der Opa sicher.
Von Gabi Thieme
Erschienen am 14.11.2001
|
|
|




