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Volkskunst

Erfolgsgeschichte mit gefalteten Spitzen

Buchbinderei Kraft produziert in Buchholz jährlich 20.000 leuchtende Sterne - Idee entstand in wirtschaftlich schwieriger Zeit


Fensterstern-Herstellung

Auch in den Sommermonaten wird gestanzt, gefaltet und geklebt. Im Bild: Inhaber Ingolf Kraft mit den Mitarbeiterinnen Susan Oertel (l.) und Cornelia Brauer.

Annaberg-Buchholz. In hohen Regalen reiht sich ein Stapel Kartons an den nächsten. Der Inhalt der flachen Schachteln hat die Buchholzer Buchbinderei Kraft in ganz Deutschland bekannt gemacht. Mit roten, gelben oder weißen Spitzen, mal gemischt oder mit verlaufenden Farben werden darin Annaberger Faltsterne verpackt. Nachdem sie mit wenigen Handgriffen zusammengeklappt wurden, lagern sie die meiste Zeit des Jahres auf Böden und in Schränken, bevor die Hingucker im Advent zahlreiche Fenster und Stuben zieren.

Neben den rundum mit Spitzen versehenen Exemplaren gehören auch flache erzgebirgische Fenstersterne aus Papier zu den Erzeugnissen. "Beide Produkte zusammengenommen, stellen wir jährlich etwa 20.000 Stück davon her", sagt Ingolf Kraft, der Inhaber des Handwerksbetriebs. Gefertigt werden sie ohne Unterbrechung von Januar bis Dezember. Der kleinste Annaberger Faltstern misst im Durchmesser 35Zentimeter, die größten bringen es bis auf einen Meter. In Kooperation mit der Stadtverwaltung hat das Unternehmen ihren Namen schützen lassen.

Was heute eine Erfolgsgeschichte ist, fing mit einer schwierigen wirtschaftlichen Lage für die Buchbinderei an. "Nach der Wende waren die Aufträge stark zurückgegangen. Da hat mein Vater nach einem weiteren Standbein gesucht", erinnert sich der 38-Jährige. Auf die Idee, die Sache mit den Faltsternen auszuprobieren, wurde Manfred Kraft durch Kunden gebracht. Sie fragten, ob so etwas möglich sei, da sie das aus ihrer Kinderzeit kannten. Denn die zusammenlegbaren Exemplare aus Papier hatte 1924 bereits der Annaberger Kartonagenfabrikant Karl Friedrich erfunden.

Erste "Testserie" im Jahr 1994

Manfred Kraft, der den heutigen Erfolg nicht mehr miterleben kann, stellte 1994 die ersten Faltsterne her. Eine Anleitung dafür gab es nicht. "Er setzte sich stundenlang hin und tüftelte daran", erinnert sich sein Sohn. Als erstes sei eine Kleinserie von Hand geschnitten und gefaltet worden - sozusagen als Testlauf, ob die Idee bei den Kunden ankommt. Sie tat es. Und so wuchs die Fläche des jetzigen Unternehmenssitzes von 60 Quadratmetern 1996 auf heute 600. Das Papier für die beliebten Souvenirs kommt fertig bedruckt, die Formen werden in einer Spezialmaschine ausgestanzt. Das Falten und Kleben ist jedoch nach wie vor Handarbeit, die viel Geschicklichkeit erfordert. Außerdem kommen in einem Extra-Karton Fassung, Birne und Kabel hinzu. Zu guter Letzt wird jeder Stern zur Kontrolle aufgeklappt.

Drittes Motiv für Laternen

Inklusive des Chefs sind in der Buchbinderei neun Mitarbeiter beschäftigt. Dazu gehört eine Auszubildende, die das alte Handwerk lernt. Auch das sei wieder gefragt - ob von Druckereien, die Spezialaufträge haben, oder von Privatkunden, die eine Hochzeitszeitung oder eine Diplomarbeit binden lassen wollen. Dennoch liegt das Hauptaugenmerk auf den Sternen und Laternen aus Papier. "Letztere wollen wir in diesem Jahr mit einem dritten Motiv versehen", erzählt der Buchbindermeister. Zu "Christi Geburt" sowie "Engel und Bergmann" werden sich Wichtel gesellen.

Kein Umzug auf die grüne Wiese

Mit der steigenden Nachfrage ist auch das Firmengebäude Stück für Stück ausgebaut worden. Einige Räume stehen als Erweiterungsmöglichkeit noch zur Verfügung, aber dann ist Schluss. Dennoch will Ingolf Kraft, der den 1867 gegründeten Betrieb in fünfter Generation leitet, den Standort nicht verlassen. Eine Halle auf der grünen Wiese sei nichts für ihn. Die Verbundenheit zum Stadtteil Buchholz kommt auch auf den Verpackungen zum Ausdruck. Jeden Karton ziert eine Zeichnung der Katharinenkirche. Genau genommen müssten die leuchtenden Boten aufgrund des Herstellungsorts ja auch Buchholzer Faltsterne heißen. "Aber sie sind in Annaberg erfunden worden", meint der Chef.

Von Annett Honscha


Erschienen am 25.08.2009