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Volkskunst
Steht die Wiege des Klöppelns am Zuckerhut?
Schneeberger sagt: In Brasilien wurden schon im 15. Jahrhundert zarte Spitzen gefertigt - Erzgebirgischer Verein engagiert sich im Bundesstaat Ceará

Mit dem Klöppeln sichern sich im brasilianischen Bundesstaat Ceará zahlreiche Familien ihr tägliches Einkommen.
Annaberg-Buchholz/Schneeberg. "Wer hat's erfunden? Die Schweizer." Dieser der Fernsehwerbung für ein Hustenbonbon entnommene Spruch ist schon beinahe legendär. Für alles aber sind die Eidgenossen freilich nicht verantwortlich.
Beispiel: Das Klöppeln. Dessen Erfindung würden die Erzgebirger gern Barbara Uthmann zuschreiben. Dafür war sie allerdings etwas zu spät dran. Wo diese Handwerkskunst tatsächlich das Licht der Welt erblickt hat, darüber streiten sich die Gelehrten. Manche verweisen auf Italien, konkret auf Venedig, wo angeblich 1557 ein erstes reines Musterbuch für die Klöppeltechnik erschienen ist.
Andere meinen, der Ursprung liege bei den Holländern. Oder waren es am Ende doch die Brasilianer? Der Schneeberger Mathias Wolf sagt zumindest: "In Brasilien wurde schon im 15. Jahrhundert geklöppelt."
Klöppeln um zu überleben
Erfahren hat er das in Fortaleza. Das ist die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Ceará. Dorthin pflegt der heute 55-Jährige intensive Kontakte in seiner Eigenschaft als Präsident des Vereins "Menschen für Kinder in Castelo Encantado". Castelo Encantado ist ein Stadtteil von Fortaleza, in dem sich der im Jahr 2000 gegründete Verein um die etwa 60Mädchen und Jungen einer Schule kümmert. "Wir reden dort von so genannten Favelas. Das sind nach unserem Verständnis Slums", sagt der Erzgebirger. Um zu überleben - so etwas wie Hartz IV gibt es nicht - werde geklöppelt. Als Nadeln dienten entsprechend lange Kakteenstacheln, die Klöppel beziehungsweise Spindeln seien aus der Kokosnuss gefertigt. Der Klöppelsack, der auf dem Boden liege, ist mit Palmenblättern gestopft.
27 Cent für einen Meter
"Das Klöppeln macht jeder in den Familien, egal ob Erwachsener oder Kind. Hergestellt wird vorwiegend Spitze in Meterware für den einheimischen Markt. Abnehmer sind Vereinigungen, die in der Struktur hiesigen Genossenschaften ähneln. Für den Meter erhalten die Familien umgerechnet 27 Cent. Dafür können sie sich fünf bis sechs Semmeln kaufen", erzählt Wolf und nennt als Vergleich den Preis für einen Meter Spitze hier zu Lande: 17 bis 36 Euro. Die Qualität sei dabei durchaus vergleichbar, hätten ihm Mitglieder des Schneeberger Klöppelzirkels bestätigt, denen er aus Brasilien mitgebrachte Proben vorgelegt habe.
Importeur gesucht
Gern würde der 55-Jährige den armen Familien des flächen- und bevölkerungsmäßig fünftgrößten Staates der Erde noch intensiver helfen, und deren Produkte hier verkaufen - "und wenn es auch nur zwei Euro pro Meter wären, die hängen bleiben", sagt er. Leider sei mit dem Import im großen Stil auch jede Menge Papierkram verbunden, den der Vereinschef aufgrund seiner eigentlichen Tätigkeit nicht mehr bewältigen könne. "Vielleicht findet sich aber jemand", hofft der Schneeberger.
"Ich habe Klöppeln einmal bei uns in der Hauptstadt Florianópolis gesehen. Dort heißt es Bilro", sagt Sandra Prochnow-Greuel. Die aus dem brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina stammende 39-Jährige konnte diese Handwerkskunst damals noch in keiner Weise einordnen. Seit sie allerdings beim Annaberg-Buchholzer Jens Breitfeld das Drechseln lernt, sieht das anders aus. Immer samstags ist Sandra Prochnow-Greuel in der Klöppelschule im "Erzhammer" der Kreisstadt zu Gast, um sich in den rund zwei Monaten, die sie im Erzgebirge verlebt, auch noch Grundkenntnisse der Spitzenfertigung anzueignen. Dass damit in ihrer Heimat, in dem von Ceará allerdings etwa 4000 Kilometer entfernten Bundesstaat Santa Catarina, Menschen ihr Brot verdienen müssen, das war der 39-Jährigen bis jetzt nicht bekannt.
Von Thomas Wittig
Erschienen am 01.10.2009
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