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Hitparade des spanischen Hofs erfüllt Gotteshaus
Mit Pauken und Schalmeien: Musikensemble Capella de la Torre nimmt CD in Albernauer Johanniskirche auf - Pfarrer Reißmann managt die Truppe
Mit historischen Instrumenten lassen Capella de la Torre die spanische Musik um 1500 wieder aufleben: Ulrich Wedemeier (links) an der Laute, Regina Sanders am Dulzian und Detlef Reimers an der Posaune.
Albernau. Wer die drei schweren Holztüren passiert, tritt förmlich ein in eine andere Welt. Beschwingte Klänge erfüllen die Albernauer Johanniskirche und lassen die Musik der spanischen Renaissance lebendig werden. Das in dieser Art deutschlandweit einzigartige Ensemble Capella de la Torre nimmt in dem Gotteshaus ab dem 19. Februar seine neue CD auf. Sie soll Anfang 2011 bei dem auf alte Musik spezialisierten französischen Label Alpha veröffentlicht werden.
Zustande kam der Kontakt über den Zschorlauer Pfarrer Norbert Reißmann, der die Truppe in seiner Freizeit managt. Die Leiterin, Katharina Bäuml, hatte der 35-Jährige bei einem Konzert in der Zschorlauer Kirche kennengelernt. "Die Renaissancemusik ist einfach sehr, sehr schön", erklärt der Pfarrer seine Faszination für die heute wenig vertraute und doch frisch wirkende Musik. "Die ist so lebendig, als wäre sie von heute", findet auch Bäuml.
Die gebürtige Münchnerin war vom Erzgebirge sofort begeistert - allerdings zunächst aufgrund eines Missverständnisses. "Überall Plakate zu Schalmeikonzerten", stellte sie angenehm überrascht fest. Bis Reißmann sie aufklärte, dass die in der Region beliebte blecherne Martinstrompete mit dem historischen Holzblasinstrument außer der Form des Schalltrichters wenig gemein hat. Trotz des unter Oboisten bekannten Schimpfworts "Das klingt wie eine Schalmei", schlägt das Herz der Musikerin, die moderne Oboe und altertümliche Rohrblattinstrumente studierte, für den Oboen-Vorläufer: "Die Schalmei hat einen eigenen Charakter, so einen glänzenden Ton."
Auch die anderen Musiker stehen mit historischen Holzblasinstrumenten im Altarraum. Neben der Schalmei finden sich Pommer, Dulzian und Posaune sowie das Zupfinstrument Laute. "Das war die typische Besetzung um 1500 in Spanien", erklärt Reißmann. Die Interpreten haben sich im Kreis aufgestellt, halten Blickkontakt, nicken sich zu. "Wo atmest Du?" fragt jemand und macht sich eifrig Notizen. Denn bei der Renaissancemusik wird viel improvisiert. Bäuml zeigt die wenigen Noten, die als Gerüst dienen. Das Manuskript aus der Bibliothek in Madrid musste erst in die heutige Notensprache übersetzt werden. "Man darf sehr viel", erklärt die Leiterin.
Es ist bereits die sechste CD, die Capella de la Torre seit der Gründung vor viereinhalb Jahren aufnehmen. Das sich aus alle Ecken Deutschlands zusammengefundene sechsköpfige Stammensemble gibt rund 50 Konzerte im Jahr. Oft sind internationale Gastmusiker dabei. Der Tenor kommt aus Spanien. Die Sopranistin ist Belgierin. "Deine hohen G's sind der Wahnsinn", lobt Bäuml Cécile Kempenaers, um gleich darauf die Bläser anzufeuern: "Das klebt noch ein bisschen." Unter dem Titel "Viva Isabella" entführt das Programm an den Hof der spanischen Königin Isabella von Kastilien (1451-1504). Geistliche und weltliche Stücke wechseln sich ebenso ab wie fröhliche und traurige Titel - "sozusagen die damalige Hitparade rauf und runter", scherzt Reißmann.
Von den Vorzügen der Albernauer Kirche musste der 35-Jährige das Ensemble nicht lange überzeugen. "Die Holzdecke ist das Wichtigste für den warmen Klang ", erklärt Bäuml. Bei den Proben ab Mittwochnachmittag waren alle Musiker von der kompakten Akustik des 1897 erbauten Gotteshauses angetan. "Man muss sich aber immer erst einhören", erklärt Bäuml. "Und die Ohren jetzt erst einmal von den Zugfahrtgeräuschen auf Kirche umstellen."
Drei Tage sind für die Tonaufnahmen eingeplant. Deshalb ist die Ortsdurchfahrt bis Sonntagabend täglich von 10 bis 22 Uhr gesperrt. "Wenn in einer Pause, wo jeder gespannt auf den Einsatz wartet, ein Auto vorbeifährt, ist alles hinüber", wirbt Reißmann um Verständnis. Anlieger dürften aber selbstverständlich zu ihren Häusern. Einige hätten bereits angefragt, ob sie in den Pausen auch einmal eintauchen können in das alte Spanien, erzählt der Pfarrer. "Man spürt den Stolz auf unsere Kirche."
Service
Am 13. Juni, 17 Uhr, geben Capella de la Torre in der Ev.-Luth. Kirche Zschorlau ein Konzert "Renaissance meets Jazz".
Von Susann Oertel
Erschienen am 25.02.2010
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