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Kultur & Sehenswertes
Von der Gästekarte bis zum Geschirr
Lunzenauer Eisenbahnmuseum lässt Zeit der Mitteleuropäischen Schlafwagen und Speisewagen AG noch einmal aufleben
Klaus-Dieter Kretschmann, der früher fünf Jahre lang als Schlafwagen-Schaffner unterwegs war, zeigt gemeinsam mit Jürgen Zittwitz und Helmut Becker (von links) im Lunzenauer Eisenbahnmuseum gut erhaltene Relikte aus alten Mitropa-Zeiten.
Lunzenau. Das Speisen in Zügen ist heutzutage ein selbstverständliches Vergnügen. Sogar Spitzenköche kochen inzwischen manch leckeres Gericht für die rollenden Bord-Restaurants der Bahn. Allerdings sah früher die Gastronomie in den Speisewagen und stationären Bahnhofsgaststätten ein bisschen anders aus. Einen Teil der deutschen Bahnhistorie aus Sicht von Reisenden erzählt die neue Sonderausstellung "Mitropa" im Lunzenauer Eisenbahnmuseum "Zum Prellbock".
Mitropa war einst das Zeichen für internationales Flair, kräftiges Essen und nicht zuletzt volkseigenen Luxus. 1916 mithilfe ausländischer Geldgeber sowie deutscher Banken als Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen Aktiengesellschaft gegründet, baute das Unternehmen ein dichtes Netz auf, überstand zwei Weltkriege und wurde bereits im Mai 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone erneut als Aktiengesellschaft angemeldet. "Gut vier Jahre später kam die Mitropa in Kooperation mit der Deutschen Schlaf- und Speisewagen Gesellschaft wieder ins Rollen", erzählt Helmut Becker, Vorsitzender des Vereins "Freunde der Mitropa" mit Sitz in Berlin.
Für die Ausstellung in Lunzenau hat der Verein unter anderem originale Gästekarten, Wertscheine und Werbe-Prospekte zur Historie der Bahnhofsgaststätten zur Verfügung gestellt. Museumsinhaber Matthias Lehmann steuerte aus seinem Archiv seltene Fotos vom Interieur der Mitropa-Bahnhofsgaststätten, aber auch erhaltenes Porzellan-Geschirr und Speisekarten bei, die noch heute Jürgen Zittwitz sehr vertraut sind.
Der stellvertretende Vorsitzende des Berliner Vereins war fast 30 Jahre lang Koch in den Speisewagons und durfte weitere zehn Jahre als Mitropa-Produktentwickler arbeiten. "Für mich war das eine sehr spannende Zeit, die mit der heutigen Gastronomie in Zügen kaum zu vergleichen ist", erzählt der 67-Jährige. Wenn er den Speisewagen betrat, musste zuerst der Kohleherd angefeuert und danach das Tagesgeschäft vorbereitet werden. "Im Unterschied zu heute wurden damals die Gerichte selbst vor Ort zubereitet", erinnert sich Zittwitz, der wie viele andere Kollegen das Glück hatte, auf der Schiene den "Eisernen Vorhang" zu passieren.
Die Mitropa betrieb aber nicht nur Restaurants in Zügen und Bahnhöfen, wo es unter anderem Bockwurst, Hackbraten mit Kartoffeln und Gemüse oder die berüchtigte Brühe mit Stich gab. Am Ende der DDR beschäftigte der Konzern 15.000 Mitarbeiter auch in Raststätten und Schiffen, in Kneipen sowie Kiosken.
"Von der einstigen Pracht der Mitropa haben nur noch ein paar Speisewagen überlebt", sagen die Mitropa-Freunde. Die Marke wird übrigens heute nicht mehr verwendet. Nach mehreren Fusionen in der Nachwendezeit wurde zuletzt 2004 die Mitropa GmbH gegründet. Vor vier Jahren wurde die aus dem Konzern gelöst und firmiert nun als Select Service Partners Deutschland GmbH.www.mitropafreunde.de
Service:
Die Ausstellung "Mitropa" im Eisenbahnmuseum "Zum Prellbock" an der Burgstädter Straße 1 in Lunzenau ist noch bis zum 15. März zu sehen. Das Museum hat donnerstags bis montags jeweils ab 11.30 Uhr geöffnet. Besuche außerhalb dieser Öffnungszeiten können unter Ruf 037383 6410 erfragt werden.
Von Ralf Härtel
Erschienen am 18.02.2010
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