Sie schenkt Pflanzen ein zweites Leben: Karin Wunderlich aus Clausnitz.

Foto: Bernd März/Tourismusverband Erzgebirge

Die Heuweberin: Clausnitzerin pflegt fast vergessene Handarbeit

Karin Wunderlich aus Clausnitz pflegt eine fast vergessene Handarbeit aus Omas Zeiten. Getrocknetes Gras und Getreide fädelt sie durch die Zinken eines Rechens und schenkt den Pflanzen nach ihrer Blüte ein zweites Leben. Sie hat jetzt sogar das erste Mal eigenhändig Heu gemacht. Sie mähte die Wiese, wendete das Gras mit einem Rechen und "erntete", als es trocken war. Karin Wunderlich lacht, als sie das erzählt. "Mein Mann hat nur mit dem Kopf geschüttelt, normalerweise stammte das Material bislang von Bergwiesen aus Südtirol", fügt die Frau aus Clausnitz hinzu. Ihr Alter merkt man ihr nicht an. Abbringen ließ sie sich von ihrem Vorhaben, im eigenen Garten Heu zu machen, aus einem bestimmten Grund zu keiner Zeit.

"Das Gras ist wunderbar - mit tollen Pflanzen und Blüten." Und genau diese benötigt sie für ihr Hobby, das im Erzgebirge und darüber hinaus als einzigartig gelten darf: Karin Wunderlich webt Heu. Bis zum (Un)Ruhestand hat sie im Fremdenverkehrsamt des Gemeindeverbunds Rechenberg-Bienenmühle, Holzhau und
Clausnitz gearbeitet. Kultur und alles, was damit zusammenhängt, ist ihre Leidenschaft geblieben. Deshalb betreut sie nun im Ehrenamt das Heimathaus in Clausnitz, das als zeitgeschichtliches Museum einen Einblick in die Vergangenheit gewährt. Mit Küche und Wohnzimmer wie aus Omas Zeiten, Platz für Gesellschaften, Feste und Kunstausstellungen ist das Kleinod Anlaufstelle für Touristen und Einwohner.

"Es soll aber keine Rumpelkammer werden", betont Karin Wunderlich, der beim Heuweben jedermann in einem kleinen Gewölbezimmer über die Schultern schauen kann. Es lohnt sich. Das Kopfstück eines Rechens hat sie auf einem Tisch befestigt, so dass die Rechenzinken nach oben stehen. An diesen Zinken hängen Fäden. Das Gemisch aus Stroh, Flachs, Heu, Gras und Kräutern zieht Karin Wunderlich zunächst in die Länge und fädelt es dann wellenartig durch die Zinkenreihe hindurch. Immer wieder, bis der Rechenkopf voll ist. Soll es breiter werden, stellt sie zwei Rechenköpfe nebeneinander. Dann nimmt sie die Zinken ab und zieht das Heugeflecht an den Fäden nach unten, strafft es und knotet es fest, damit es nicht verrutscht. So entstehen Schicht für Schicht Gebilde, die am Ende als dekorativer Wandschmuck oder - wie vor allem früher üblich - als Fußabstreicher dienen.

"Einst pflegten Bauersfrauen das Heuweben, aber erst im Spätherbst, wenn draußen soweit alles getan war." Die Fußläufer wärmten im kalten Winter. Heute sind die Teppiche aus Heu eher Dekoration für Wohnraum im bäuerlichen Stil. "Verzierungen sind möglich. Zum Beispiel mit Hagebutten, Tannenzapfen oder anderen pflanzlichen Farbtupfern", sagt Karin Wunderlich, die der Natur gern auf der Spur ist und sich sehr für Kräuterkunde interessiert. Durch das Verwenden verschiedener Pflanzenarten beim Heuweben entstehen tolle Muster. Dabei muss das Material trocken sein - aber nicht zu trocken. "Sonst bricht es. Ist es zu feucht, schimmelt es. Für den Zustand des Materials muss man ein Gefühl entwickeln." Die Technik selbst lernte sie von Christa Fischer aus Freiberg. "Sie hatte mal eine Ausstellung in unserem Heimathaus. So entstand der Kontakt." Spontan entschied sich Karin Wunderlich vor drei Jahren, es zu probieren. "Es klappte. Und es passt wunderbar in unsere ausgeprägte Landschaft und das Heimathaus. Viele sehen das bei mir zum ersten Mal. Und sind begeistert."


Informationen

Die Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle mit den Ortsteilen Holzhau und Clausnitz liegt inmitten der idyllischen Landschaft der Freiberger Mulde. Das Heimathaus Clausnitz steht unter Denkmalschutz und wird für Vereinsarbeit sowie Ausstellungen genutzt. Letztere spannen den Bogen von bergbaugeschichtlichen Themen bis hin zu künstlerischer Fotografie.

Freitags und samstags jeweils von 14 bis 16 Uhr sind die Ausstellungen geöffnet. Zur gleichen Zeit können Besucher dort die seltene Handarbeit des Heu- und Strohwebens hautnah erleben. Gleicher Ort, gleiche Zeit erwartet Gäste ein weiteres Mitmachangebot: Kräuter- und Duftsäckchen selbst stopfen.

Nach telefonischer Anmeldung unter Tel. 49(0) 37327 7029 öffnen sich auch außerhalb der Öffnungszeiten für Gäste die Türen.

 
erschienen am 30.06.2017
 
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