Paradiesgarten Paradiesgarten einer Pyramide aus dem Jahre 1927 aus dem "Großen erzgebirgischen Weihnachtsbuch".

Foto: Chemnitzer Verlag

Paradiesgarten als weihnachtliches Relikt des Erzgebirges

Ein fast vergessenes weihnachtliches Relikt des Erzgebirges und oberen Vogtlandes ist der Paradiesgarten. Bei den Leuten im Gebirge auch Garten, Paradies, Lust- oder Weihnachtsgarten genannt. Diese kleine Miniaturlandschaft ist schwer einzuordnen: nicht Krippe und nicht Heimatberg, von jedem etwas.

Seinem Namen nach mag er urspr√ľnglich tats√§chlich Szenen aus dem Paradies beherbergt haben. Die Beziehung zu Adam und Eva, die Weihnachten ihren Namenstag haben, l√§sst sich vermuten. Jedoch waren weder die beiden noch Schlange und Apfelbaum auch in den √§lteren Paradiesg√§rten nicht zu finden. Die Beziehung zum Paradies finden wir auch in den fr√ľhesten Motiven des Schwibbogens.

Auf ebener Fl√§che, von einem Z√§unlein aus Zinn oder Holz umgeben, tummelt sich im Moos allerlei Getier, billige Massesch√§fchen, Pfennigvieh. Da eine Sch√§ferei, dort eine Jagd, die Figuren gedrechselt oder aus Masse. Und als Hauptsache d√ľrfen die B√§ume nicht fehlen, viele B√§ume.

Niemanden stört die unterschiedliche Größe, auch nicht das unterschiedliche Material, aus dem sie hergestellt sind. Die meisten waren irgendwann vom Weihnachtsmarkt mitgebracht, wie uns 1926 Truckenbrodt aus Johanngeorgenstadt bestätigt. Aber gerade die Buntheit macht den Reiz des Paradiesgartens aus.

Die Geschichte des Paradiesgartens ist schnell erzählt: 1846 stellte man die Pyramide auf den Tisch und baute den Garten so um sie auf, als sei sie aus ihm herausgewachsen. Und es ist, als werde ein Teil der Figuren lebendig durch die Drehbewegung der Teller. Runde zwanzig Jahre später, 1865, wuchs die Pyramide aus einem dicken, aus dem Wald geholten Moospolster empor, in das man allerlei Figuren gestellt hatte.

√úblich war aber auch, einen solchen Garten um den Weihnachtsbaum aufzubauen. Die Moospolster verh√ľllten den St√§nder aus Eisen oder Holz und t√§uschten einen H√ľgel vor. So entstand beim Betrachten der Eindruck, als w√ľchse daraus ein Baum, der Weihnachtsbaum. Durch die H√ľgellandschaft r√ľckte der Paradiesgarten dem Heimatberg n√§her.

Der heimische Dichter Fritz Thost, selbst Schnitzer und Bastler, schrieb vor rund 70 Jahren √ľber seinen Paradiesgarten: "Mein Herz nahm sich zu Lehen ein Wunderg√§rtlein fein, darin darf all's geschehen, was mir nur so f√§llt ein."

Moritz Spie√ü aus Annaberg berichtet √ľber einen Paradiesgarten vor 150 Jahren: Er war ein mit Moos ausgelegtes Brett, das ein Z√§unlein umgab. Oder er wurde besonders an der Wand oder in einer Ecke aufgestellt. Aus dem Moos gl√§nzten Steine, Erze oder abenteuerlich aussehende Wurzeln aus dem Wald. Mittelpunkt war der Stall, in dem die heiligen Leute, Ochs und Esel ruhten, die dem Christkind den ausgehenden Odem wieder einblasen sollten.

Seitw√§rts traten die Hirten mit ihrer Herde, denen der Engel erschien. Im Hintergrund war Sand gestreut. Auf dieser k√ľnstlichen W√ľste kamen die heiligen drei K√∂nige gezogen. Auf erh√∂hten Abs√§tzen standen verschiedene Gruppen, meist aus der biblischen Geschichte. Die H√∂he bildete die Stadt Bethlehem, durch H√§user angedeutet. √úber der Stadt war ein gro√üer Stern an der Stubendecke befestigt.

Wahrscheinlich ist der heimische Paradiesgarten √§lter als die hineingestellte Pyramide. 1846 hei√üt es bei Richter in seiner Beschreibung von Sachsen, dass man zu Weihnachten die Pyramide auf den Tisch stellt und, kann man es erm√∂glichen, in einen Paradiesgarten. Die von Gustav Klemm um 1865 beschriebene Pyramide steht in einem Garten, der mit Moos ausgelegt ist, in das man Holzfig√ľrchen gesteckt hat. Im Jahre 1909 schreibt John, dass sich die Christgeburt meist inmitten eines Paradiesgartens befindet.

Der Paradiesgarten kam nach dem Zweiten Weltkrieg au√üer Gebrauch. Die kleine Wohnung bot kaum noch Platz f√ľr den Weihnachtsbaum. Oft r√ľckte dieser auf den Balkon. Die Pyramide musste sich mit einem Platz auf der Anrichte begn√ľgen. Wo sollte da noch ein Paradiesgarten hin?

Eine kleine Fortsetzung findet er in den D√∂rfern da und dort, indem man den Zwischenraum der Kastenfenster mit Moos auslegt, mit kleinen Fliegenpilzen aus Pappmach√© besetzt und mit allerlei Figuren best√ľckt. Da kann's schon sein, dass eine Jagd dargestellt wird, eine Schafweide oder eine Krippe. Und √ľber allem steht der Schwibbogen, den Sternhimmel symbolisierend. Gehen die Kinder vorbei, quetschen sie die Nase gegen die Scheibe, um die kleinen Wunderdinge zu sehen.
 

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