Der vorverlegte Weihnachtsabend

Es war drei Wochen vor Weihnachten. Ich, etwas über neun Jahre alt, hatte meinen Wunsch schon geäußert: Bücher. Das war so, seit ich buchstabieren konnte. In unserem Dorf gab es keinen Buchladen. Also war es klar, dass eine Geschäftsreise meiner Eltern in die Kreisstadt auch dazu diente, Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Zurückgekehrt, wurden sie von mir genau beobachtet. War die Tasche dicker als vor ihrer Abreise, hatten sie zusätzliche Pakete bei sich? Sie hatten, was von mir mit großer Befriedigung registriert wurde.

Nun begann das, was jedes Jahr, um die Weihnachtszeit herum begann und seit ich aufgehört hatte, an das Christkind zu glauben: meine Suche nach den Geschenken. Ich fand sie immer, so gut sie auch versteckt waren! So auch in diesem Jahr! Drei Bücher befanden sich im Schrank unter der Bettwäsche. Ich weiß noch ihre Titel: "Geschichten aus der Murkelei" von Fallada, "Wichtelhausen" und "Wie, Wann, Wo?". Das dritte war eine Art Lexikon und interessierte mich überhaupt nicht. Ich habe es nie gelesen. Aber die beiden anderen! Schon die Bilder waren wunderbar. Übrigens hatte ich kein schlechtes Gewissen. Die Bücher waren ja für mich! Es war nicht schlimm, dass ich deren Inhalt bereits kannte, bevor das Weihnachtsfest kam. Im Gegenteil, ich freute mich auf die schon bekannten Genüsse und begrüßte meine Geschenke am Heiligen Abend wie gute Freunde, mit denen ich schon wunderbare Stunden verbracht hatte.

Meine Eltern merkten nie etwas. Ich konnte perfekt Überraschung heucheln. Außerdem nahm ich mir vor, zu meiner Kommunion, wenn ich das erste Mal zur Beichte gehen würde, alle meine Sünden zu bekennen. Um zu lesen, musste ich nur einen Zeitpunkt erwischen, wo die Luft rein war und ich mein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte. Ich brauchte nicht lange zu warten. Mein Vater hatte ohnehin in der Mühle zu tun, meine Mutter war bei der Nachbarin und tratschte. Also schnell in die Kammer, das Buch geholt und hinter das Bett meiner Eltern. Dort las ich, alles um mich herum vergessend, jeden Tag aufs Neue. "Wichtelhausen" hatte ich ausgelesen, jetzt machte ich mich an die "Geschichten aus der Murkelei". Die waren noch spannender und so geschah es: Ich wurde erwischt, und zwar von meiner Mutter, die eine temperamentvolle Frau war und mir erst einmal eine kräftige Ohrfeige verpasste. Ich hatte als Neunjährige auch schon eine Portion Temperament, welches sich in einem ohrenbetäubenden Gebrüll äußerte.

Meine Mutter, unbeeindruckt, ließ mich heulend hinter dem Bett liegen und rannte aus dem Zimmer. Sie holte den Vater. Sie waren zurück, noch ehe ich meine Fluchtgedanken verwirklichen konnte, standen da und sahen mit Abscheu auf ihre missratene Tochter. Ich war verstummt und wartete auf das väterliche Donnerwetter. Es kam aber nicht. Nichts kam, kein Wort, was mich dummerweise veranlasste, da ich das Schweigen nicht ertragen konnte, zu sagen: "Ich vergesse doch immer bis Weihnachten, dass ich das Buch schon gelesen habe." Meine Mutter machte "pfff!" und rief: "Jetzt hat sie sich verraten, das macht sie nicht das erste Mal." Der Vater darauf überraschend ruhig zu mir: "Du musst nichts vergessen, vielleicht ist heute schon Weihnachten."

Das verstand ich zwar nicht, aber da die beiden gingen, atmete ich auf und hatte das Gefühl, noch einmal glimpflich davongekommen zu sein. Ich verbrachte wieder ziemlich fröhlich den Nachmittag bei meiner Freundin Gerda. Um sechs Uhr wurde bei uns zu Abend gegessen - pünktlich. Als ich die Küche betrat, sagten meine Eltern: "Da bist du ja, und fröhliche Weihnachten, Kind." Sie küssten mich und führten mich an den Tisch. Darauf stand ein weihnachtlich geschmückter Fichtenstrauß. Zwei Kerzen brannten, ein Teller mit Äpfeln, Keksen und einer Rolle Drops wartete auf mich und da waren auch meine drei, mit einer roten Schleife zusammen gebundenen, Bücher!

"Freust du dich?", fragte meine Mutter. Jetzt erst bemerkte ich, dass sie ihr Sonntagskleid anhatte. Mein Vater trug eine Krawatte. "Setz dich", meinte er, "es gibt gleich Essen." "Aber heute ist doch erst der 18.",wagte ich mit weinerlicher Stimme zu sagen. "Für uns ist heute der Heilige Abend. Nun brauchst du nicht mehr länger auf die Bescherung zu warten und kannst dich dann gleich über deine Bücher hermachen." "Und am 24., was machen wir da?" "Nichts werden wir da machen, das wird ein ganz normaler Tag sein. Jetzt freu dich doch und mach nicht so ein Gesicht", meinte die Mutter und trug das Essen auf. Freuen konnte ich mich nicht und essen auch nicht. Ich lag um sieben Uhr in meiner Kammer und weinte herzzerreißend. Anfangs aus Scham und Reue, später aus Wut und Selbstmitleid. Dass die mit mir so etwas machen konnten! Die liebten mich nicht mehr, das war es! Nachdem ich gedanklich so weit gekommen war, sann ich auf Rache. Auch ihnen sollte dieses Weihnachtsfest in ewiger Erinnerung bleiben!

Nach langem Grübeln hatte ich es: Ich wollte sie beschämen, jawohl, beschämen! Besonders fleißig würde ich sein und am Heiligen Abend bekämen sie so viele Geschenke von mir, dass sie vor Scham und Reue in den Erdboden versinken würden. Das sollte die Strafe dafür sein, was sie mir heute angetan hatten. Ich malte mir alles plastisch aus und schlief befriedigt ein. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass mir das Fleißigsein mächtig zu schaffen machte. Zum Glück war es nur noch eine Woche bis Weihnachten. Die Eltern betrachteten meine geduldige Hilfsbereitschaft mit Misstrauen, glaubten dann aber wohl, ich würde meine vorweihnachtliche Schnüffelei bereuen und auf diese Art und Weise Abbitte leisten.

Das mit den Geschenken stellte kein so großes Problem dar. Meine Freundin Gerda konnte wunderbar häkeln und fabrizierte zwei Topflappen für meine Mutter. Als Gegenleistung bekam sie das Buch "Wie, Wann, Wo?", das sie ihrerseits dem Bruder schenken konnte. Mein Vater bekam Tabak in einem selbst gebastelten Beutel. Am 24. Dezember holte ich noch eine kleine Fichte aus dem Wald, der hinter der Mühle begann, steckte sie in einen Eimer mit Sand und schmückte sie. Das alles verwahrte ich in meiner Kammer. Meine Hoffnung, dass der 24. doch noch einen festlichen Abend haben könnte, begrub ich jedoch, als ich sah, dass meine Mutter am späten Nachmittag anfing zu bügeln.

"Essen!", rief sie in Richtung meiner Kammer, als ¡ch kurz nach sechs noch nicht erschienen war. Jetzt kam mein großer Auftritt. Mit offenen Zöpfen, einem langen weißen Nachthemd, auf das ich einen goldenen Stern geheftet hatte, betrat ich barfuß, den kleinen Baum vor mir hertragend, als Christkind die Küche. "Vom Himmel hoch, da komm ich ..." Es verschlug mir die Sprache, ich stand da und starrte auf meine Eltern und auf den Baum, der hinter ihnen auf dem Tisch stand. Ein wunderschöner Baum mit brennenden Kerzen! Ich hatte noch nie einen schöneren gesehen! Darunter lagen Geschenke für mich, wie ich sofort feststellte. "Scheint schon ein Christkind da gewesen zu sein", meinte der Vater lachend und nahm mir das Bäumchen ab, das ich krampfhaft umklammert hielt. "Aber komm trotzdem rein, du Engel. Eigentlich siehst du eher aus wie ein Gespenst", fügte meine Mutter hinzu. "Und zieh dir Hausschuhe an, sonst verkühlst du dich noch."

 
erschienen am 22.12.2011 (Von Otti Beckmann vom Förderstudio Literatur e.V. Zwickau)
 
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