Eine "scheene Bescherung"

Wenn einer auf die schöne neue Tischdecke ein Glas Rotwein oder eine Tasse Kaffee verschüttet, dann sagen wir Sachsen dazu: ,,Ene scheene Bescherung" oder auch: ,,Da hasde ja was angerichded!"

Eine solche "scheene Bescherung" erlebte ich mitten im Kriegswinter des Jahres 1943 zum Heiligabend. Anfang Februar jenes Jahres endete in Russland die Schlacht um Stalingrad mit mehr als 190.000 toten deutschen und sowjetischen Soldaten.  Nur 16 Tage darauf schrie der Nazi-Minister Goebbels im Berliner Sportpalast: ,,Wollt Ihr den totalen Krieg?" Und wiederum sechs Tage später wurden Hans und Sophie Scholl hingerichtet. Es war damals für alle Menschen eine harte und entbehrungsreiche Zeit, die Weihnachtsstimmung war getrübt.

Auch meine beiden Cousins Karl und Karl-Heinz sowie Onkel Willi standen an der Kriegsfront, wir hatten ihnen Feldpostbriefe geschickt, wussten nicht, ob sie auch ankamen. Die übrige Großfamilie saß wie immer am Heiligabend bei Oma Helene gemeinsam am Tisch. Damals in der schweren Zeit freuten sich alle auf einen Gänsebraten. Wer Kaninchen im Stall sitzen hatte, musste sie vor Diebstahl schützen. Auch ein Huhn oder eine Ente gaben einen begehrten Festtagsbraten.

Doch ein Gänsebraten stellte die Krönung dar. Von den kargen Zuteilungen auf die Lebensmittelkarten konnte kaum etwas zurückgelegt werden. Und jetzt ein Gänsebraten, welch ein Erlebnis auch für mich als 13-jährigen Jungen. Der Onkel Erhard, ein Sparkassenbeamter, galt als gewissenhaft und ebenso als der Fachmann beim Zerlegen der Gans, die vorher von den Tanten gerupft wurde. Oma Helene ließ sich danach das Zubereiten des Bratens nicht nehmen, sie galt dafür als ,,Fachfrau".

Und nun saßen alle in freudiger Erwartung vor den mit jeweils einer Portion Gänsebraten belegten Tellern. Onkel Alfred langte als erster zu und wollte den leckeren Braten kosten. Doch kaum zum Mund geführt, spuckte Alfred das Stück Gans sofort wieder aus und verzog das Gesicht. So wie er stellten auch die anderen schnell fest, dass das bitter schmeckende Fleisch total verdorben und ungenießbar war. Ein Schimpfgewitter brach über den armen Onkel Erhard herein, der beim Zerlegen der Gans deren Gallenblase zerschnitten hatte. Er verwahrte sich energisch dagegen, verwies auf seine langjährigen Erfahrungen. Die Ursachenforschung ergab schließlich seine Unschuld.

Die wahre Schuldige hieß Oma Helene. Sie besaß eine Fundgrube an Küchenkräutern und würzte den Gänsebraten unter anderem auch stets mit Beifuß. Doch diesmal hatte sie sich versehen und zum Wermutkraut gegriffen. Wer heute noch Wermut-Tee zur Beruhigung seines Magens genießt, der weiß, wie gallebitter dieses Kraut schmeckt. Damals zum Heiligabend 1943 war Onkel Erhard rehabilitiert und hatte nichts ,,falsch angerichtet". Der guten alten Oma Helene wurde ihre ,,scheene Bescherung" erst nach längerer Zeit verziehen, als wir schon wieder darüber lachen konnten.

 

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erschienen am 22.12.2011 (Von Horst Kühnert)
 
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