Kriegsweihnacht 1943

Mein Vati ist Soldat - in Polen stationiert - und bekommt keinen Heimaturlaub. Meine jüngere Schwester ist krank, sie hustet, liegt auf dem Sofa in der Küche, dem einzigen warmen Raum der Wohnung. Sie befindet sich im Erdgeschoss eines Zweifamilienhauses in der Wohnsiedlung an der "Pelzmühle" in Rabenstein. Wir Kinder sind zur Weihnachtsfeier in Vatis Arbeitsbetrieb Nadel- und Platinenfabrik in Siegmar an der Zwickauer Straße gegenüber "Schützenruh" eingeladen. (Betrieb und Wohnhaus wurden nach 1990 abgerissen.)

Ich gehe mit meiner Mutti allein hin. Meine Schwester wird zu Hause von einer Nachbarin betreut. Die Männer und Frauen der Belegschaft haben den Speisesaal festlich geschmückt. Aber der Geruch nach Öl und Metall ist noch da. Es werden Nadeln und Platinen für Strickmaschinen hergestellt. Sie werden u.a. stundenlang in Trommeln poliert; diese laufen rund um die Uhr.

Zur Weihnachtsfeier hatten die Arbeiter im Speisesaal lange Tafeln aufgestellt, an denen wir Kinder Platz nehmen, die Eltern sitzen etwas abseits. Es gibt zu essen und zu trinken. Dann tritt der Weihnachtsmann auf. Nachdem jedes Kind ein Sprüchlein aufgesagt hat, erhalten wir kleine Geschenke. Ich bekam für mich und meine Schwester je ein Püppchen. Sie waren selbstangefertigte Einzelexemplare. Sie hatten Holzköpfe, die bemalt waren, und Haare aus Wolle sowie einen Stoffkörper, der mit Holzwolle gefüllt war. Ihre Kleidchen waren hübsch, aus buntem Stoff genäht. Das Püppchen meiner Schwester lag sogar in einer Holzwiege, die blau angestrichen und mit  Blümchen verziert war. Wir beide haben uns sehr über diese Geschenke gefreut und noch lange mit diesen Püppchen gespielt.

Seit Krieg ist, gibt es ja fast keine Spielsachen zu kaufen. Es werden nur "kriegswichtige" Dinge produziert. Also muss man selbst basteln, nähen oder stricken. Das tat unsere Mutti sehr fleißig. Wir trugen selbstgestrickte Unterwäsche, Strümpfe, Kleidchen und Pullover. Leider war die Wolle in Kriegszeiten von schlechter Qualität. Ich erinnere mich besonders an kratzende Strümpfe!

An Weihnachten wurden auch unsere anderen Puppen und Teddys neu eingekleidet. Vor allem meine Oma, eine gelernte Schneiderin, nähte hübsche Sachen und lehrte uns Kindern gleichzeitig ihr Handwerk und den Gebrauch der Nähmaschine.

Das Wichtigste aber war in den Jahren bis ca. 1950, dass wir es im Winter warm hatten - Ofenheizung - und dass etwas zum Essen da war. An Stollen und Braten war dabei aber kaum zu denken. Auch Obst gab es im Winter wenig. Südfrüchte wie Bananen und Apfelsinen kannten wir damals nicht. Unsere Mutti versuchte trotzdem, uns Gemütlichkeit zu Hause zu geben. Es wurde gebastelt und Weihnachtssachen hergestellt. Ein schöner Adventskranz wurde jedes Jahr an der Decke in der Küche aufgehangen, mit roten Bändern geschmückt und mit roten Herzen, sofern es im Krieg welche gab.

In den letzten Kriegsjahren kam der Krieg dann auch zu uns. Nicht nur, dass es kaum noch etwas zu kaufen gab, Lebensmittelkarten eingeführt worden waren und wir hungerten, sondern es gab auch immer öfter Luftalarm und wir  mussten im Keller Zuflucht suchen.

Am Himmel standen oft "Christbäume" - obwohl nicht Weihnachten war - so nannten wir die Lichter, mit denen Flugzeuge ihre Bombenziele markierten. Am 5.3.1945 brannte Chemnitz!

Auch in Rabenstein waren einige Häuser betroffen. Wir hatten aber Glück, unsere Wohnsiedlung blieb heil. Wir saßen im Keller, hörten die Einschläge, manchmal wackelte das Haus über uns und wir hatten furchtbare Angst. Oft gab es auch Stromsperren, sodass wir abends im Dunklen saßen. Glücklicherweise kam keiner unserer Familienangehörigen im Krieg ums Leben. Auch unser Vati kam bereits im Juni 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft in Bayern nach Hause - er war den ganzen Weg gelaufen!

Aber die Jahre nach dem Krieg waren fast ebenso schlimm wie vorher. Es herrschte großes Chaos und es gab fast nichts mehr Essbares zu kaufen. Meine Mutti und mein Vati, der sogar bis nach Riesa mit dem Fahrrad fuhr, gingen zu den Bauern aufs Land "hamstern". Tage- und nächtelang hatte meine Mutti vorher Pullover, Jacken, Schals, Mützen u.a. gestrickt, um sie als Tauschobjekte gegen Lebensmittel einzusetzen. Wir Kinder gingen im Herbst auf abgeerntete Felder stoppeln - d.h. liegengebliebene Ähren oder Kartoffeln einzusammeln. Es gab dann Brennnesselsuppe oder Fitzfädelsuppe zu essen und es wurden Möhrenkuchen gebacken. Im Winter mussten wir im Wald Brennholz suchen, man durfte sich dabei aber nicht vom Förster erwischen lassen, wenn eventuell kleine Bäume mitgenommen wurden, da der Wald wie gefegt aussah.

Später begannen wir dann zu Weihnachten nach echter erzgebirgischer Tradition Stollen beim Bäcker zu backen. Oft musste länger gespart werden, um z.B. die benötigte Menge Fettigkeiten zusammen zu bekommen. Auch machte Not erfinderisch: So wurde Zitronat, das es nicht gab, durch eingelegten Kürbis ersetzt. Die fertigen Stollen holten wir dann abends, noch warm, vom Bäcker ab.

Ich erinnere mich, dass wir einmal beim Transport bei Glatteis einen Stollen vom Schlitten verloren. Er wurde wieder eingesammelt und war glücklicherweise nicht zerbrochen, denn das hätte im neuen Jahr Unglück bedeutet.

Auch das Beschaffen eines Weihnachtsbaumes war in den Nachkriegszeiten nicht einfach. Vielfach waren vorher schöne Bäume später nur noch als Brennholz zu verwenden, da sie von den Leuten "beim Wühlen nach dem Richtigen" übel zugerichtet wurden.

Wir haben dann auch später wieder Plätzchen gebacken und hielten uns Hasen, die zu Weihnachten verspeist wurden. Die Bescherung fand immer am Heiligabend gegen 16 Uhr statt. Wir Kinder sagten ein Gedicht auf oder sangen ein Lied. Am Abend gab es Bratwurst, Sauerkraut und Klöße. Später wurde gelesen. Wir erhielten immer zu Weihnachten ein Buch als Geschenk. Es wurden Spiele wie Halma oder Rausschmeißer gemacht, Musik gehört und erzählt.

Einen Fernseher kauften meine Eltern erst 1964. Der 1. Feiertag war ein ruhiger Tag in Familie. Wir gingen oft spazieren oder spielten im Schnee. Ich erinnere mich an viele "weiße Weihnachten". Der 2. Feiertag war Besuchstag. Wir gingen zu den Großeltern oder Verwandten bzw. kamen diese zu uns. Dann wurden Stollen verkostet und Weihnachtsgeschenke ausgetauscht bzw. begutachtet.

Schön war auch die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Es waren Schulferien und oft hatten meine Eltern arbeitsfrei. So hatten wir Zeit zum Spielen und um Besuche zu machen. In dieser Zeit durfte nicht gewaschen werden (außer Kinderwindeln). Die Zeit fürs Saubermachen war auch gering, da vor den Feiertagen alles "großreinegemacht" worden war. Der Aufwand fürs Essenzubereiten war auch gering, da oft Reste vom Braten gegessen wurden.

Auch heute noch denke ich gern an diese Weihnachten in meiner Kindheit zurück und daran, wie es meine Eltern verstanden, uns unter oft schwierigen Bedingungen schöne erlebnisreiche Feiertage zu gestalten. Als meine Schwester und ich eigene Familien gründeten, versuchten wir, die Weihnachtstraditionen aus unserer Kindheit beizubehalten und sie unseren Kindern zu vermitteln.

Ein Appell an alle jungen Familien:

Schalten Sie in der Vorweihnachtszeit und besonders zu den Feiertagen wenigstens zeitweise Computer und Fernseher aus. Lesen Sie, erzählen Sie, basteln Sie mit Ihren Kindern. Auch Handarbeitstechniken wie Nähen, Stricken, Sticken, Schnitzen sollten weitergegeben werden. Ich wünsche Ihnen friedliche und erlebnisreiche Weihnachten!

 
erschienen am 22.12.2011 (Von Inge Todt aus Chemnitz)
 
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