Weihnachtszauber

Es war Dezember - Dezember im Jahre 1945 - der fürchterliche Krieg war vorbei, doch was danach kam war nicht viel weniger grausam: Hunger, Kälte, keine richtige Wohnung und fremd in einer anderen Gegend, die nicht unser "Zuhause" war und in der man als "Flüchtling" nicht willkommen war. "Flüchtlinge" das waren wir eigentlich nicht. Wir waren nicht geflüchtet von zu Hause, man hat uns  ohne Vorwarnung kurzerhand nach dem Ende des Krieges am 4. Juni 1945 aus unserem Zuhause heraus geschmissen und vertrieben.

Unsere Heimat war ein kleines Bergstädtchen mit Namen "Niklasberg" in den höchsten Lagen des Erzgebirges im damaligen Sudetenland und wir wohnten mit im Haus meiner Großeltern an der höchsten Stelle des Ortes, genannt im "Oberstaadel". Der Weg dahin war so steil, dass noch nie ein Auto bis zu uns gekommen war. In diesem Landstrich wohnten schon immer seit ewigen Zeiten Deutsche und Tschechen neben- und miteinander. Mal war es Österreich - Ungarn, mal Tschechei, Böhmen - Mähren oder mal Deutschland, wie das eben in solchen Grenzgebieten ist.

Es waren meist einfache Leute, die dort lebten, kleine Bergbauern, Leute, die ihr Brot bei der Eisenbahn, in den Bergwerken der Gegend, im Forst oder den wenigen kleinen Fabriken des Ortes verdienten. Ihr Reichtum war ein kleines Häuschen mit Feld oder Garten und das Leben war durch die Berge doch recht beschwerlich. So wurde mit einem großen Korb auf dem Rücken, dem sogenannten "Buckelkorb", das Heu und die Früchte von Garten und Feld eingebracht. Auch das, was man im Dorfladen kaufte, wurde im Buckelkorb nach Hause getragen.

Unser "Zuhause" war keine attraktive Gegend, aber es war seit Generationen unsere Heimat. Nach dem Krieg waren diese Deutschen dann plötzlich die großen Feinde, die an allem Schuld hatten und nun aus dem Lande vertrieben werden mussten. Mit vorgehaltenem Gewehr mussten wir innerhalb einer Stunde uns auf dem Platz vor der Kirche einfinden, mitgenommen durfte nur werden, was man tragen konnte. So wurden wir, mein Papa, der wenige Tage zuvor schwer verwundet aus dem Krieg gekommen war, meine Mutti, meine Schwester und ich  mit einem Trupp anderer Dorfbewohner Richtung Grenze in Moldau getrieben. Hier wurde das mit genommene Gepäck von den Soldaten nochmals inspiziert und um das, was man ja vielleicht noch selbst gebrauchen konnte, noch erleichtert. Was uns geblieben war, war fast nichts.

Nach einem schrecklichen Aufenthalt von ein paar Tagen in einem Lager in Rechenberg, kamen wir nach Lichtenberg, wo ein Bauer uns aufnahm in einem Raum über dem Pferdestall und wo meine Eltern mit auf dem Feld arbeiteten. Dadurch hatten wir wenigstens etwas zu essen. Die Bauersfrau war sehr gütig und sie hatte mir sogar eine Zuckertüte gemacht, als ich am 1. September 1945, zu meinem 6. Geburtstag, in Lichtenberg eingeschult wurde.

Doch nach dem Herbst brauchte der Bauer keine zusätzlichen Arbeitskräfte mehr. Mein Vater hatte inzwischen Arbeit bei der Deutschen Reichsbahn auf dem Bahnhof Lichtenberg bekommen, denn er war vor dem Krieg auch schon Eisenbahner gewesen. Auf der Ladenstrasse beim Bahnhof Lichtenberg stand eine alte Baracke, hier konnten wir erst einmal vorübergehend einziehen, sie war zum Abriss vorgesehen. So hatten wir ein Dach über dem Kopf vor dem bevorstehenden Winter. Eine sehr alte Frau wohnte schon darin, sie war wohl aus Schlesien und auch so eine Übriggebliebene von einem Flüchtlingstrupp. So waren wir doch noch in einer glücklicheren Lage, wir waren eine Familie und hatten einander Nun hatten wir auch noch eine Oma, wir nannten sie die Heine-Mutter.

Es war inzwischen sehr kalt geworden und viel Schnee gefallen und die Eisenbahner mussten zum Schneeschaufeln nach Freiberg. Auf dem Bahnhof in Freiberg, wo mein Vater dann auf den Zug wartete, um wieder nach Lichtenberg zurückzufahren, rief plötzlich jemand: "Onkel Siegfried!" und als sich mein Vater umschaute unter den vielen wartenden Menschen in der Bahnhofshalle, kam ein junger Soldat, völlig heruntergekommen, abgemagert und hinkend auf ihn zu und fiel ihm um den Hals.

Es war sein Neffe Willi, den man noch in den letzten Kriegsmonaten als halbes Kind an die Front geschickt hatte. Er war völlig am Ende und wusste nicht weiter, denn er konnte nicht nach Hause nach Niklasberg, wo seine Eltern noch waren. Da war die Grenze und man hätte ihn wahrscheinlich gar nicht nach Hause gelassen, sondern eingesperrt oder gleich erschossen. Mein Vater hat ihn dann mit nach Lichtenberg in die Baracke genommen und meine Mutter hat ihn erst einmal ein bisschen versorgt und gepflegt. Das wenige Essbare, das wir auf die Lebensmittelkarten bekommen haben oder durch Ährenlesen, Kartoffeln stoppeln oder Sammeln in Wald und Feld zusammengetragen hatten, wurde geteilt und so der größte Hunger gestillt.

Auch Betteln zu den Bauern und Einheimischen sind meine Eltern gegangen und ich kann mir vorstellen, wie schwer es für sie war, den eigenen Stolz zu überwinden, denn es fehlte ja an allem, nicht nur an Lebensmitteln. Ich kann mich erinnern wie groß die Freude war als wir unseren ersten Topf bekamen, es war ein Keramiktopf, braun, weiß und blau, von einer Familie Reismüller. Seitdem heißt er "der Reismüllertopf" und ich habe ihn noch heute und halte ihn in Ehren, obwohl die Jahre ihre Spuren hinterlassen haben. Auch die Müllhalden, damals genannt "Scherbelhaufen" wurden durchsucht nach brauchbarem Hausrat wie Besteck, Tellern usw..

In der Baracke gab es keine einzelnen Zimmer, aber es gab ein paar einfache Bettstellen, ein paar Spinde, die neben anderen Utensilien als "Raumteiler" dienten,  und einen großen Holztisch. Not macht sehr erfinderisch !

Nun war also Weihnachten - Heiligabend. Mein Papa und Willi hatten eine Fichte im Wald geholt und hatten mit viel Tricks einen Christbaumständer zusammengebaut, jedenfalls stand der Baum. Wir hängten mit viel Freude ein paar Zuckerkringel daran, die es auf Zuckermarken gegeben hatte. Drei Kerzen steckten wir darauf, die eine gute Seele uns gespendet hatte. Meine Mutti zauberte aus dem Essbaren, das da war, ein gutes Essen und es schmeckte uns Sechsen ganz vorzüglich. Mutti sagte immer: "Hunger ist der beste Koch." und sie hatte sicher recht damit.

Dann sagte mein Papa: "Kommt mit an die Tür, wir wollen sehen, ob wir das Christkind sehen!" Es waren einige Sterne am Himmel und unser Papa zeigte uns einige von ihnen, z.B. den großen Wagen (die Astrologen nennen ihn wohl anders) und ich konnte den Wagen sehen und freute mich sehr. Es ist auch bis heute das einzige Sternbild am Himmel, welches ich ausmachen kann, so sehr ich mich auch bemühe, irgendwelche Bilder zu finden.

Dann erklang aus der Baracke ein Glöckchenklang, natürlich auch irgendwie improvisiert, und Mutti sagte: "Das Christkind war da." Und siehe da - unter unserem Weihnachtsbaum mit den drei brennenden Kerzen lagen zwei wunderschöne Puppen. Meine Puppe hatte einen Porzellankopf und dunkle, richtige Haare, es war eine große Gliederpuppe mit einem hübschen Kleid und sogar Schuhen. Die Puppe meiner Schwester war blond und hatte ein gelbes geblümtes Kleid und sie konnte sogar "Mama" sagen. Willi hatte einen warmen Schal bekommen und ob die Erwachsenen auch etwas bekommen haben, habe ich vergessen.

Voller Glückseligkeit hielten wir unsere Puppen im Arm und dann stimmte meine Mutti das Lied "Stille Nacht - heilige Nacht" an und wir sangen alle sechs das Lied voller Inbrunst. Es legte sich wie ein Zauber über uns, ein Gefühl von Dankbarkeit, Zuversicht und Geborgenheit, ein Zauber, der nicht von dieser Welt war, es war eben Weihnachten. Die Puppen hatte ein Onkel schwarz über die Grenze geschmuggelt, sie stammten von einer Schwester meiner Oma aus Osseg, die zu der Zeit noch zu Hause waren.

Aber jedes mal, wenn das Lied "Stille Nacht" erklingt, läuft mir ein Schauer über den Rücken und ich wünsche mir, noch einmal diesen Zauber zu spüren - und wäre es auch nur für einen Augenblick.

 
erschienen am 22.12.2011 (Von Anita Helbig aus Freiberg)
 
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