Alexander pechstein zeigt ein Foto mit seinem Großvater und sich als Kind. Alexander Pechstein zeigt ein Foto mit seinem Großvater und sich als Kind.

Foto: IDA Film & TV Produktion GmbH

Pechstein-Film erlebt in Kunstsammlungen Zwickau Premiere

Berühmter Künstler, gescheiterte Südseereise, Ächtung durch die Nazis, später das Bundesverdienstkreuz: Der in Zwickau geborene Maler Max Pechstein (1881-1955) hatte ein bewegtes Leben. Dieses wurde nun verfilmt. Der Dokumentarfilm Max Pechstein. Geschichte eines Malers wird am 5. Dezember  erstmals gezeigt. Zu der Premiere des rund 80-minütigen Films werden Regisseur Wilfried Hauke, die Pechstein-Enkel Julia und Alexander sowie weitere Vertreter der Max-Pechstein-Urheberrechtsgemeinschaft erwartet. Weitere Premieren folgen in England, Italien und in den USA. Eine gekürzte Fassung wird außerdem von MDR, NDR und 3sat ausgestrahlt.

Max Pechstein. Geschichte eines Malers

Der Film beginnt im Sommer 1909 an der Kurischen Nehrung. Der 28-jährige Max Pechstein hat als Künstler seinen Durchbruch und findet bald darauf seine erste große Liebe, sein Modell und seine Ehefrau Lotte. Der weitere "Aufstieg" vom Arbeiterkind zum führenden Maler des deutschen Expressionismus wird von den Krisen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts begleitet. Der Film zeigt auch die lustvollen und berüchtigten Eskapaden des Malers und die Liebe zu seiner zweiten Frau Marta.

Max Pechstein war zu seiner Zeit der erfolgreichste Maler des Deutschen Expressionismus. Der 1881 im sächsischen Zwickau geborene Arbeitersohn blieb aber immer der Außenseiter unter den Malern der Künstlergruppe "Brücke", die heute weltweiten Ruhm genießt. Erstmals wird in dem abendfüllenden Dokumentarfilm des Regisseurs Wilfried Hauke das abenteuerliche Leben Pechsteins in packenden Bildern erzählt. Die umfangreichen Dreharbeiten fanden neben Zwickau in Paris, New York, Dresden, Hamburg, Berlin, Kiel und an italienischen und litauischen Küsten statt.

Die hochwertig inszenierten Szenen mit dem Luxemburger Schauspieler Nickel Bösenberg als Max Pechstein sind mit Zitaten aus Pechsteins "Erinnerungen" und Briefen unterlegt. Magisch anmutende Tanzszenen ergänzen die Spielszenen, es sind die "Phantasien" des Malers, die das Ballett-Ensemble des Theaters Plauen-Zwickau realisiert hat.

Auf der dokumentarischen Ebene begleitet die Kamera die Nachfahren des Malers und lässt sie ausgiebig zu Wort kommen. So wird die Suche der beiden Enkel Alexander und Julia Pechstein nach der wahren Geschichte hinter dem Mythos des ‚Außenseiters‘ Max Pechstein gezeigt. Der Film begleitet auch die Ur-Enkelin Dunja Pechstein nach New York, wo Pechstein nach seiner gescheiterten Südsee-Reise gelandet war und zwischen Migranten aus aller Welt für Monate festsaß.

Die Expressionismus-Expertin und Kunsthistorikerin Prof. Aya Soika, die mit ihren Forschungen zur Kunst der NS-Zeit und speziell zum Expressionismus international für Furore gesorgt hat, bezieht Stellung zu malerischen wie politischen Aspekten in Pechsteins Biografie.

Weitere am Film beteiligte namhafte Künstler sind der Schauspieler Axel Milberg (Kieler Tatortkommissar Klaus Borowski), der als Sprecher durch die Handlung führt, sowie der Pianist Caspar Frantz, der im Robert-Schumann-Haus in Zwickau extra für den Film Passagen aus Schumanns "Carnaval, Op. 9" eingespielt hat. Der international gefeierte Ballett-Choreopgraph John Neumeier äußert sich vor der Kamera zu Pechsteins Liebe für die "Ballett Russes" und zeigt Passagen aus seinem eigenen berühmten Ballett "Nijinski".

Der Film "Max Pechstein. Geschichte eines Malers" wurde von der IDA Film & TV Produktion GmbH realisiert, mit finanzieller Beteiligung u. a. der Stadt Zwickau, des Fördervereins "Max Pechstein" -Kunstsammlungen Zwickau e. V. und der Max Pechstein-Urheberrechtsgemeinschaft sowie der Zwickauer Energieversorgung GmbH (ZEV).

Inhalt

Der Film folgt Max Pechsteins Weg aus der bescheidenen Herkunft in Zwickau zum führenden Maler des deutschen Expressionismus, indem er immer wieder seine Außenseiterstellung gegenüber den Malern der "Brücke" ins Zentrum stellt: so ihre gemeinsamen Malabenteuer mit Aktmodellen an den Moritzburger Teichen, was polizeilich verfolgt wird und besonders auf Pechstein zurückfällt; oder ihr Zerwürfnis untereinander und der Ausschluss Pechsteins aus der "Brücke", weil er 1912 bei der Berliner Secession ausstellt. Die übrigen Brücke-Mitglieder bezichtigen Pechstein des Verrats. Doch wenige Jahre später wird er mehr Ausstellungen haben und mehr Bilder verkaufen als jeder seiner expressionistischen Konkurrenten.

Max Pechstein liebt das Spontane und Natürliche und rebelliert mit seinen starken Farben gegen akademische Regeln und bürgerliche Normen, was seine Malergefährten Heckel, Kirchner und Schmidt-Rottluff mit ihrer unverfälschten Malweise auch tun. Doch Pechsteins Weg an die Spitze der künstlerischen Avantgarde in Deutschland ist von einer ganz besonderen Sehnsucht getragen. Er muss sich im aufkommenden industriellen Zeitalter von ganz unten aus dem sächsischen Arbeitermilieu emporarbeiten - als Mensch und als Künstler. Dabei hilft ihm z. B. 1906 der Sächsische Staatspreis, der ihn auf eine mehrmonatige Malreise nach Paris führt, in die führende Kunstmetropole der Zeit. Hier boomt das Vergnügen, aber es gibt auch Licht und Schatten, hier lauern Triumphe und Niederlagen. Pechstein, der neben seiner Lust zum Malen leidenschaftlich gern tanzt, genießt das Amüsement und beginnt, erste Tanzbilder zu zeichnen und zu malen.

Nach der wegen des Kriegsausbruchs 1914 vorzeitig abgebrochenen Südseereise mit seiner ersten Frau Lotte muss Pechstein sich mittellos als Heizer und Arbeiter durchschlagen und wird nach seiner Rückkehr nach Deutschland zum Militärdienst eingezogen. Noch während des Ersten Weltkrieges beginnt er 1917 die Eindrücke seines Südsee-Paradies-Aufenthaltes künstlerisch aufzuarbeiten und nachzumalen, was durch die erzwungene Abreise verloren gegangen war. Es entstehen so viele Ölgemälde innerhalb eines Jahres wie nie zuvor und nie danach. Die sogenannten Goldenen Zwanziger erlebt Max Pechstein wieder in Berlin: Das Bedürfnis nach leichter Unterhaltung und Ablenkung vom Alltagsgeschehen ist größer denn je.

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten endet die für Max Pechstein überaus erfolgreiche Zeit der 1920er-Jahre, die sich nicht zuletzt in der Wahl zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und in der Anzahl der Ausstellungen manifestiert. Als "entarteter Künstler" gerät er in den Folgejahren in eine prekäre Situation. Sein früherer Brücke-Wegbegleiter und "Leidensgenosse" Emil Nolde denunziert ihn als "jüdisch-versippten Maler", um sich selber bei den Nazis als "urdeutsch" anzubiedern. Verkäufe durch Ausstellungen sind für Pechstein kaum mehr möglich, Arbeiten werden beschlagnahmt und zerstört. Weitgehend zurückgezogen lebt er mit seiner zweiten Ehefrau Marta an der Ostseeküste in Pommern und kehrt schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin zurück. Wohnung, Atelier und unzählige Werke sind durch Bombenangriffe vernichtet. Ab 1945 lehrt er an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Pechstein gibt sich vor allem den Erinnerungen an den Aufenthalt auf den Palau-Inseln Jahrzehnte zuvor hin - es ist zugleich ein Aufbäumen letzter Vitalität und Leidenschaft des Malers.

Im Jahr 1955 stirbt einer der bedeutendsten Künstler des deutschen Expressionismus. Heute sind die Hauptwerke von Pechstein in den großen Museen der Welt und in einer ständigen Ausstellung in den KUNSTSAMMLUNGEN ZWICKAU Max-Pechstein-Museum zu sehen.

 
erschienen am 01.11.2019
 
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