Wo der Dichter Theodor Körner einst Gefangene machte, nimmt die Landschaft heute den Wanderer gefangen. Wo der Dichter Theodor Körner einst Gefangene machte, nimmt die Landschaft heute den Wanderer gefangen.

Foto: Frank Hommel

12. Etappe: Adieu, Erzgebirge - Hallo, Vogtland: Tour führt durch einzigartige Landschaft

Die Partys des Hotels "Am Kranichsee" in Weitersglashütte sind in der Gegend berühmt. Bis 4 Uhr früh saß Barbara Metzler mit ihren Gästen und der Band im Biergarten zusammen. Vier Stunden ist das her. Aber die Chefin wuselt schon wieder durch ihr Reich. Nur ihre Stimme klingt noch etwas kratzig.

Acht Jahre hat sie die Regentschaft im Hotel inne. Zum Jahresende gibt sie die Krone ab. Familiäre Pflichten, sagt die achtfache Großmutter. Neue Pächter sind gefunden. Das war Barbara Metzler wichtig. Wer so mit Leib und Seele dabei ist wie sie, dreht nicht einfach den Schlüssel im Schloss herum. Das Haus und seine Gäste sind ihr ans Herz gewachsen. Gut möglich, dass sie auch sich selbst meint, wenn sie sagt: "Wer einmal zu uns kommt, den lassen wir nicht mehr los."

Die Internet-Seite des Hotels zitiert aus dem Gedicht "Sommerfrische" von Joachim Ringelnatz: "Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß, das durch den sonnigen Himmel schreitet. Und schmücke den Hut, der dich begleitet, mit einem grünen Reis."

Sommerfrisch wie bei Ringelnatz

Der Hut, der mich begleitet, ist eher eine Schirmmütze. Die zwölfte Etappe des Kammwegs wird mich heute ins Vogtland führen. Adieu, Erzgebirge. Ein gemächlicher Wanderabschnitt erwartet mich: 14 Kilometer, nur ein knackiger Anstieg kurz vor Schluss, wenn es hinaufgeht nach Mühlleithen. Es bleibt viel Zeit, das Land und seine Schätze kennenzulernen. Davon gibt es reichlich. Auch das macht den Kammweg so einzigartig.

Der erste Abstecher führt mich zur Talsperre Weiterswiese. Deren Anblick will ich mir nicht entgehen lassen. Auf dem Weg dahin beeindruckt das Ufer des Naturschutzgebiets "Großer Kranichsee" mit prächtigen Farben. Anmutig recken sich dort selbst die Disteln.

Drunten im Tal liegt Carlsfeld. Bevor ich die berühmte Kirche entdecken kann, die für die Frauenkirche Dresden Pate stand und für die sich die Carlsfelder ähnlich brüsten wie für ihre Bandonion-Tradition, bleibt der Blick an einem grauen Schornstein hängen. Zu DDR-Zeiten für das Heizhaus einer neuen Fabrikhalle gebaut. Einerlei, ob die Carlsfelder damals solch ein Industriesymbol in ihrer Idylle guthießen. Immerhin: Heute raucht der Schlot nicht mehr, sondern hält als Antenne für Handy und Internet die Verbindung mit der Welt da draußen.

Jähns Blockhütte um die Ecke

Am Skilift übersehe ich verträumt die weiß-blau-weiße Wegmarkierung. Ein Blick in die Karte: Ich kann zwischen Rückwärtsgang und dem Reitsteig wählen, der nach zwei Kilometern wieder auf den Kammweg mündet. Dann geht es bergab. Irgendwo hier beginnt das Vogtland, die Luft schmeckt noch immer nach Humus und Tau. Entlang des Markersbachs führt ein Forstweg.

Diesen Weg kommen Veronique und Richard Wullschleger entlanggestapft. Jedes ihrer Worte offenbart ihre schweizerische Herkunft. In Schöneck sind sie gestartet, bis Geising wollen sie in knapp zwei Wochen kommen. Das Erzgebirge gilt ihnen als geradezu exotisches Reiseziel. "Der Name klingt nach Wald, Geistern, Märchenwelt", sagt Richard Wullschleger. "Und bisher fühlen wir uns absolut bestätigt."

Wer großes Glück hat, läuft in dieser Gegend vielleicht sogar einem berühmten Manne über den Weg. Siegmund Jähn, erster Deutscher im All, wohnt zwar in Straußberg bei Berlin, besitzt aber gleich um die Ecke noch eine Blockhütte. Oft besucht er sein Heimatdorf. "Morgenröthe-Rautenkranz", lese ich auf dem gelben Schild und lasse mir diese Worte auf der Zunge zergehen. So sehr ich auch grübele - ein schönerer deutscher Ortsnamen will mir einfach nicht einfallen.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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