Prall behangene Vogelbeerbäume und golden schimmernde Felder säumen den Weg der 14. Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland. Prall behangene Vogelbeerbäume und golden schimmernde Felder säumen den Weg der 14. Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland.

Foto: Frank Hommel

14. Etappe: Von Schöneck bis ins tiefste Vogtland - Weg führt ins Abenteuer

Die 14. Etappe des neuen Kammwegs Erzgebirge-Vogtland beginnt in Schöneck, am Ferienpark, wo im Winter die Skifahrer in die Tiefe rauschen und der Lift sie wieder nach oben befördert. Die Etappe endet dort, wo auch der Blick von Schöneck aus am Horizont endet: Irgendwo in den unendlich scheinenden Weiten des oberen Vogtlands.

Eichigt, so heißt das Örtchen, das die Kammweg-Macher zum Etappenziel Nummer 14 bestimmten. Nie davon gehört? Macht nichts. Das wird dem fremden Wanderer ab sofort noch öfter so gehen. Mit Schöneck verlässt der Kammweg touristisch gut erschlossene Gefilde. Hinter mir liegen Orte mit Namen, die klingen etwa so: Altenberg, Seiffen, Oberwiesenthal, Carlsfeld, Mühlleithen. Vor mir liegen heute Orte, deren Namen lauten etwa so: Gunzen, Wohlbach, Hermsgrün, Leubetha, Gettengrün.

Die Infrastruktur ist rar

Das riecht fast nach australischem Outback. Es gibt zwar Haltestellen, Busse aber verkehren in diesen Gefilden selten und an den Wochenenden meist gar nicht. Auch Hotelbetten, Supermärkte, Kneipen sind rar. Jeder Trip will gut geplant sein. Mich stört das nicht, im Gegenteil: Mein inneres Abenteuer-O-Meter schnellt auf Werte jenseits der nach oben offenen Spaziergänger-Skala.

Zunächst folgt der blau-weiße Schriftzug "Kamm" einer Bahnlinie. Auf der fahren, versichern alteingesessene Schönecker, gelegentlich sogar Züge - wenn nicht gerade ein Streik die Reisenden in den Ersatzbus zwingt. Ich laufe auf breiten Wegen, stetig leicht abwärts, stetig völlig allein. Kühe weiden am Wegesrand, Schafe glotzen mich träge an, Ziegen springen erschrocken auf. Und von einer mannshoch umzäunten Farm äugen sogar Strauße misstrauisch herüber.

Zahlreich auch die Vogelbeerbäume, die prall und stolz ihre Früchte in die Landschaft hängen. Die vergießt einen sanften Charme. Erreicht nicht die Höhen des Erzgebirges. Ist nicht von Forst und Bergbau geprägt, sondern von bäuerlichem Leben. Was die Fernsicht deutlich erhöht. Wenn ich keine Weiden und Wiesen passiere, laufe ich durch Felder, auf denen die goldene Farbe der Ähren schon etwas verblasst. Bei Feuchtigkeit kann Getreide nicht geerntet werden.

Nach etwa sieben Kilometern der erste Ort: Wohlbach. Die Dorfstraße wirkt wie ausgestorben. Oder halten die Leute Mittagsschlaf? Immerhin, Hunde bellen so bösartig sie nur können hinter fast jedem Gartenzaun. Ein Mal bellt auch einer, ohne dass ein Gartenzaun ihn von mir trennt. Kurz werde ich unruhig, doch er kommt mir nicht nahe.

Obstmesser als Zeigestock

Also lob' ich mir die Wanderer-Abenteuer in vogtländisch Sibirien. Das Abenteuer-O-Meter überschlägt sich, als nahe Leubetha ein Weidedraht quer über den Weg gespannt ist. Ich muss drüber. Wird der Draht mir einen Stromschlag verpassen? Wartet dahinter ein bösartiger Stier? Weder noch. Nur eine Schar Gänse zetert aufgeregt.

Dann habe ich die Weiße Elster erreicht. Jenseits des Tales führt der Kammweg wieder bergan. Nahe des Wolfsteichs blicke ich zurück. Sehe am Höhenzug in der Ferne die Häuser Schönecks und den hellen Streifen der in den Wald geschlagenen Skipiste. Ein Pilzsucher erklärt mir die Aussicht.

Er nutzt dabei sein Obstmesser als Zeigestock. Streckt den Arm aus nach rechts, wo Landwüst in der Ferne liegt, mit dem Freilichtmuseum. Nach links Richtung Schöneck. Wieder nach rechts, wo sich hinter einem Berg Bad Elster versteckt. Bei jedem Schwenk fährt das Messer knapp an meiner Nase vorbei durch die Luft. Links, rechts, links, rechts. Jedes Mal weiche ich zurück, bereit, den Dolchstoß abzuwehren.

Ich muss weiter. Es geht auf drei, aber ich habe erst wenig mehr als die Hälfte geschafft. Vor mir liegt noch das liebliche Tetterweinbachtal. Später folgt das Dörfchen Gettengrün, wo ein Stein an den dort geborenen Zeichner Erich Ohser alias E. O. Plauen erinnert. Und ich frage mich, ob sich Fuchs und Hase beim Gute-Nacht-Sagen hier auch so abenteuerlich fühlen wie der beschwingte Wandersmann.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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