Die Burgstein-Ruine bei Krebes ist von Legenden umwoben. Auch die vorletzte Kammweg-Etappe hält viele wilde Momente bereit. Die Burgstein-Ruine bei Krebes ist von Legenden umwoben. Auch die vorletzte Kammweg-Etappe hält viele wilde Momente bereit.

Foto: Frank Hommel

16. Etappe: Ehemaliges Sperrgebiet Kemnitztal lässt Geschichte aufleben

Bin ich ein Energiefeldtourist? Frage ich mich, als ich im Schatten der Burgsteinruinen stehe und ihrer Anmut erliege. Energiefeldtouristen. Das Wort habe ich bei Uwe Groh aufgeschnappt. Der Wirt des Gasthofs Ruderitz nennt Besucher so, die √ľbersinnliche Erfahrungen am Burgstein suchen - oder machen.

Der Name der Gem√§uer am Start der 16. Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland f√ľhrt in die Irre. Mit einer Burg hat der Stein nichts zu tun. Auf dem Fels bei Krebes standen einst zwei Wallfahrtskirchen. Auch nach deren Verfall zog der Ort Menschen magisch an. Bis heute.

Den Plauener Groh selbst hat es alle paar Tage zum Burgstein gezogen. Oft wie zufällig. Als hätte das Gemäuer ein unsichtbares Spinnennetz gewoben und ihn eingefangen.

Schlie√ülich kauften er und seine Frau den damals arg eingefallenen Gasthof, einen Kilometer von den Ruinen entfernt. 2006 war Er√∂ffnung. "Seitdem", sagt Uwe Groh, "war ich nur noch ein-, zweimal bei den Ruinen oben". Als bed√ľrfe der Burgstein, da er Groh nun materiell an sich gebunden hat, seine magische Kraft f√ľr den Wirt nicht mehr und spare sich diese Kraft f√ľr andere Menschen auf.

Kein Auge zugedr√ľckt

F√ľr mich? Schweren Herzens gehe ich los. Am Ziel in 15 Kilometern warten ganz andere Mauern. Die alles verspr√ľhen, nur keine Idylle. Erst bleibt es romantisch. Die historische Kienm√ľhle wird von Familie Tr√∂ger gehegt. Wasserrad und M√ľhlstein sind erhalten. Wanderer laben sich an einer h√ľbschen Quelle. F√ľr all das hat Manfred Tr√∂ger k√ľrzlich einen Preis der Gemeinde erhalten.

Wild ist das Kemnitztal. Ein Geheimtipp. Jahrzehntelang war es kein Tipp, sondern wirklich geheim. Das Sperrgebiet an der Grenze zum Westen umfasste auch den Burgstein. 1400 Kilometer war die Grenze lang. Bei f√ľnf Kilometern Breite hie√ü das: Ein Gebiet, gr√∂√üer als der Bezirk Karl-Marx-Stadt, enthielt die DDR den meisten ihrer Bewohner vor. Manuela Anders, Pensionswirtin in Gro√üz√∂bern, die einen Sperrgebietsbewohner geheiratet hat, schildert mir ihren damaligen Alltag.

"Besucher mussten sich sechs Wochen vorher anmelden." Da gab es kein Pardon. Auch nicht f√ľr die Handwerker, die ihr Haus bauten und wochenlang t√§glich die Kontrollstelle passierten. Als sich der Bau verz√∂gerte, die Genehmigung aber abgelaufen war, dr√ľckte kein Kontrolleur ein Auge zu. Den Schleichweg f√ľr die Handwerker kannten auch die Grenzsch√ľtzer. Der Versuch, an ihnen vorbei Handwerker zur Baustelle zu lotsen, endet mit Vorladung und Geldstrafe.

Heu auf der Autobahn getrocknet

In Gutenf√ľrst passiere ich den einzigen Grenzbahnhof. Meinen Stiefvater, der einmal auf dem Heimweg von der Arbeit nach einer Doppelschicht im D-Zug Rostock-M√ľnchen eingeschlafen war und sowohl Reichenbach als auch Plauen verpasst hatte, holten die Grenzer hier unsanft aus dem Zug. Zwei Tage dauerte das Verh√∂r in Chemnitz.

Die andere Seite der Teilung: Die Ruhe entlang der Grenze. "Auf der Autobahn haben wir damals Heu gemacht", erz√§hlt Anders. Bei Grobau erreicht der Kammweg das gr√ľne Band. Einst Todeszone f√ľr Menschen, heute Lebensader f√ľr Flora und Fauna. Das wei√ü-blau-wei√üe Zeichen folgt dem einstigen Kolonnenweg, auf dem die Grenzer patrouillierten. In M√∂dlareuth schlie√ülich offenbart die Geschichte ihre ganze Absurdit√§t. Der Zufall teilte das winzige Dorf zwei F√ľrsten zu. Der Tannbach, mehr oder weniger ein Rinnsal, markierte die Grenze. Eine Grenze, ohne Bedeutung. Bis die DDR an diesem Bach entlang erst eine Bretterwand und dann einen Stacheldrahtzaun und schlie√ülich eine Beton-Mauer bauen lie√ü.

Als ich das Dorf erreiche, herrscht Hochbetrieb. 50 Jahre Mauerbau, das historische Datum - gibt es ein negatives Wort f√ľr Jubil√§um ? - hat das Thema ins Bewusstsein geholt. Ich frage mich, was von diesem absurden St√ľck wei√üe Mauer in 500 Jahren noch steht, wenn sie so alt ist wie die Burgsteinruinen heute sind. Schwer vorstellbar jedenfalls, dass Energiefeldtouristen dann von diesem Beton mit √ľbersinnlichen Botschaften versorgt werden.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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