Kurz vor einem Wehr liegt die Saale träge in der Sonne. Angekommen am Ziel in Blankenstein: Frank Hommel. Kurz vor einem Wehr liegt die Saale träge in der Sonne. Angekommen am Ziel in Blankenstein: Frank Hommel.

Foto: Frank Hommel

17. Etappe: Von Mödlareuth nach Blankenstein ist Kondition gefragt

Kaum zu glauben, dass es schon so weit ist. Am Ende dieser Etappe liegt der gesamte Kammweg Erzgebirge-Vogtland hinter mir: Genau 289 Kilometer und ein paar Schritte habe ich dann in den Beinen. Durch sechs Landkreise und drei Bundesl√§nder bin ich dann gekommen. Habe sieben Bundesstra√üen, f√ľnf Eisenbahnlinien gekreuzt - und ungez√§hlte Male war mir, als h√∂rte ich Fuchs und Hase einander schon mitten am Tag Gute Nacht w√ľnschen.

Doch f√ľr Triumphe ist es zu fr√ľh. Der letzte, knapp 22 Kilometer lange Abschnitt von M√∂dlareuth nach Blankenstein in Th√ľringen mit kurzem Abstecher hin√ľber nach Bayern hat es noch einmal in sich. Was die Kondition, aber auch die zahlreichen Reize betrifft. Die 17. Etappe windet sich vor allem entlang der Saale hellem Strande, bietet immer wieder grandiose Felskulissen. Zum Gl√ľck hat sich die Sonne noch einmal des Sommers besonnen. Sonst k√∂nnte ich die Schwei√üperlen, die sich alsbald auf meiner Stirn bilden, gar nicht auf die Temperaturen schieben. Sondern m√ľsste zugeben, dass diese als mittelschwer charakterisierte Etappe einigerma√üen schlaucht.

Von M√∂dlareuth aus geht es wie immer westw√§rts. Die blau-wei√üe Kammweg-Markierung f√ľhrt mich ein St√ľckchen entlang des nun schon etwas br√§unlichen, fast unscheinbaren Zauns, der fr√ľher nicht Th√ľringen von Bayern trennte, sondern die DDR von der BRD abschottete.

Ein Zaun made in Germany

Davor ein zehn Meter breiter Streifen, auf dem jemand sehr genau Unkraut j√§tet. Noch immer. "So sah das fr√ľher aus", wird mir Ralf Kalich, der B√ľrgermeister von Blankenstein, sp√§ter erkl√§ren. "Nur war der Zaun damals nicht so verrostet. Das war feuerverzinkter Kruppstahl." Wie bitte? "Die Materialien f√ľr die Grenzanlagen hat die DDR fast alle im Westen gekauft." Kalich sollte das wissen. Er verhehlt nicht, dass er selbst einst an der Grenze als Offizier diente. Bis er, wie er erz√§hlt, politisch in Ungnade fiel. Dann hie√ü es f√ľr ihn: zur√ľck in die Etappe - wie im Milit√§rwesen r√ľckw√§rtige Dienste hinter den eigentlichen Linien zu Kaisers Zeiten genannt wurden.

Der Weg f√ľhrt fast immer direkt an der Grenze entlang. Mal auf dem alten Kolonnenweg der Grenzsch√ľtzer, mal auf Pfaden durch Wald und Unterholz. Nach etwas √ľber einer Stunde Wegstrecke schimmert die Saale zum ersten Mal durch die B√§ume. Das Gew√§sser scheint √§u√üerst tr√§ge. Anders als die Menschen: Die haben √ľberall zu werkeln, den Rasen zu m√§hen, Holz f√ľr den Winter zusammen zu s√§gen. Gro√üfl√§chige Teppiche bl√ľhender Erika k√ľnden bereits vom bevorstehenden Herbst.

Es geht auf und ab. Bänke laden zur Rast ein. Auf einer davon, der "Saalebänk", können angeblich fast 100 Menschen nebeneinandersitzen. Die 30 Meter lange Bank kurz vor Hirschberg ist aus einem Stamm gezimmert und stand sogar mal im Guinness-Buch. Überragt wird das winzig anmutende Hirschberg von einem Schloss. Es gibt auch ein Gerbereimuseum. Das Museum und eine ein Dutzend Hektar große Brachfläche mitten in der Stadt sind die einzigen Zeugnisse der Lederindustrie, die nach der Wiedervereinigung untergegangen ist.

Bienenstich und Wespen

Vier Kilometer weiter unterquere ich die Autobahn Berlin-M√ľnchen. Die Br√ľcke besteht aus einem historischen und einem neuen Teil, der beim sechsspurigen Ausbau der Strecke entstanden ist. Nun sind es noch genau neun Kilometer. Hinter Sparnberg f√ľhrt mich der Weg √ľber die Saale - und damit nach Bayern. Im gem√ľtlichen Biergarten am Kellerhaus in Rudolphstein versuche ich mich am Kunstst√ľck, den selbst gebackenen Bienenstich zu genie√üen und gleichzeitig einen Stich der angelockten Wespen zu verhindern. Dann geht's wieder hinab nach Th√ľringen.

An Saalbach erinnert eine Informationstafel. Wie so viele im Grenzgebiet wurde das Dorf komplett geschliffen. Wieder f√ľhrt der Kammweg hinauf auf den H√∂henr√ľcken. Ob von der extra installierten Stahlkonstruktion bei Pottiga, von der Bastei, dem Hochzeitskorb oder dem Drei-L√§nder-Blick bei Blankenberg - √ľberall genie√üe ich den Blick ins Saaletal. Das Ziel ist l√§ngst anvisiert. Blankenstein. Bekannt, weil dort der Rennsteig beginnt. Das "R" ist ins Pflaster eingelassen und √ľberall im Dorf pr√§sent. Dass der Kammweg in Blankenstein endet, davon wird im Dorf, das sich Wanderdrehkreuz nennt, nicht viel Aufhebens gemacht. Warum sollte ich also von meiner Ankunft viel Aufhebens machen?

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
Artikel weiter empfehlen