Kein Spaziergang: Die Entfernungen des Kammwegs fordern heraus. Kein Spaziergang: Die Entfernungen des Kammwegs fordern heraus.

Foto: Frank Hommel

1. Etappe: Von Geising bis Holzhau: Durchhaltevermögen wird belohnt

Vor versammelter Menge schüttelt der Bürgermeister meine Hand. Männer klopfen mir auf die Schulter, Mädchen halten Taschentücher bereit. Dann gibt der Dirigent ein Zeichen. Die Kapelle stimmt "Go West" von den Pet Shop Boys an.

Frohgemut stapfe ich aus dem Dorf hinaus. Ein Weilchen laufen lärmende Kinder und aufgedrehte Hunde mit mir. Dann verschluckt mich der Wälder Einsamkeit ...Als einigermaßen bedeutsames Ereignis hatte ich mir den Aufbruch ausgemalt. 290 Kilometer! Zu Fuß! Das sollte doch gewürdigt werden, wie weiland Humboldts Abschied nach Südamerika. Denn meine sportliche Ausdauer war bisher so ausgeprägt wie die Geduld eines Bundesligavereins mit seinem Trainer. Statt großem Bahnhof aber bietet Geising im Osterzgebirge lediglich einen kleinen Haltepunkt. Genau dort beginnt der neue Kammweg Erzgebirge-Vogtland. Er führt bis zum Thüringer Rennsteig und soll auch in dessen touristische Sphären vorstoßen. Am Laternenpfahl vorm Getränkemarkt prangt die weiße Wegmarkierung: In der Mitte ein waagerechter, blauer Streifen. Darüber in großen Buchstaben das Wort "KAMM". Das schlichte Schild beflügelt meine Fantasie. Die Route testen, Menschen treffen, eigene Grenzen überwinden: Wann, wenn nicht jetzt? Der Weg ist eben eröffnet.

Vielleicht bin ich der erste, der ihn komplett bezwingt? Schwanken wie Fichten im Wind Nichts aber ist zu entdecken, wovon aus sich der symbolische erste von geschätzten 500.000 Schritten machen ließe. Weder Bronzetafel noch Startlinie. Dabei ist dieser Schritt wie gesagt ein großer für mich. Wenn auch, zugegeben, ein eher kleiner für die Menschheit. Die Uhr zeigt kurz vor neun Uhr morgens. Die Stammkunden des Getränkemarkts stehen früh auf. Sie sind, ohne es zu ahnen, die einzigen, die meinem Aufbruch beiwohnen. Ich vermute mal, der Bürgermeister ist nicht darunter. Es zückt auch niemand ein Taschentuch, als ich das Mineralwasser in den Rucksack packe und die Tür hinter mir schließe.25 Kilometer ist die erste Etappe lang. Sie überwindet 722 Höhenmeter im An- und 548 im Abstieg. Wird als "schwer" eingestuft. Wenn ich also den ersten Tag hinter mir habe, weiß ich, was auf den folgenden 16 Etappen auf mich zukommt.Die Erwartungen der Menschen an den neuen Weg aber, sie schwanken wie die Fichten im Wind.

Da ist Jochen Löbel vom Hotel Lugsteinhof im nahen Zinnwald, der den neuen Kammweg für eine gute Sache hält, aber keine Wunderdinge von ihm erwartet. Noch weniger erhofft sich Marco Klein, der die Bergbaude auf dem Geisingberg betreibt. Der 824 Meter hohe, einstige Vulkan ist die erste Herausforderung. Fragt der Bezwinger den Wirt nach dem Kammweg, schwillt dessen Kamm, weil er für Werbung auf der Wanderkarte für seinen Geschmack Unsummen hinblättern sollte. Und der Tourismusverband vorschlug, dass Klein jedem Kammweg-Wanderer etwas ausgeben könnte. Ein Freigetränk vielleicht. Ein Souvenir. Egal, ob der Weg sich zieht Klein kommentiert solche Fantasien wortlos. Er führt seinen Finger unters rechte Auge und zieht die Haut herunter. Das Schreiben des Verbands kann er nicht mehr zeigen, es ist dort hinten gelandet. Ich folge dem Wink seines Arms und erblicke den Kachelofen. Wanderer, sagt er, laben sich meist nicht bei ihm, sondern aus dem Rucksack.Dagegen mag Iris Gläser, Chefin des Hotels Talblick Holzhau nicht akzeptieren, dass das Erzgebirge nur zweite Liga unter Deutschlands Wanderern spielt. Sie hat die erste Etappe selbst mit abgesteckt: Vom Geisingberg hinunter nach Altenberg. Empor auf den Kahleberg.

Der 905 Meter hohe Gipfel schiebt seine Geröllhalden ins Tal, als wolle er sich mit langen Fingern das Land unter den Nagel reißen. Flechten, Moose und Kiefern der Hochfläche gemahnen an Nordeuropa. Verwunschen wirkt der schwarze Teich.Auf Forstwegen, alten Bahndämmen, Bergpfaden geht es dem Ziel Holzhau entgegen. Von Schneelast geknickte Fichten warten aufs Aufräumkommando. Die Schritte werden monoton. Der Weg zieht sich, im Knie zieht es auch. Macht nix. Als ich erschöpft ankomme, fragt Iris Gläser mich halb bang, halb zuversichtlich, was ich von dieser Route halte. Sie muss sich keine Sorgen machen. Obwohl ich die versprochene Aussicht der Steinkuppe am Ende nicht finde: Der Auftakt macht Lust auf die schlappen 265 Kilometer, die ich nun noch vor mir habe.Das spricht sich im Hotel übrigens herum. Beim Aufbruch zur Etappe zwei wird wirklich eine kleine Gruppe Spalier stehen. Aber das ist ein Thema fürs nächste Kapitel.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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