Das Wahrzeichen von Johanngeorgenstadt schlechthin: Der Schwibbogen. Foto: Frank Hommel Das Wahrzeichen von Johanngeorgenstadt schlechthin: Der Schwibbogen.

Foto: Frank Hommel

10. Etappe: Von Breitenbrunn bis Johanngeorgenstadt tobt das Leben

Himmelwiese, so malerisch heißt das Fleckchen Erde, wo die neunte Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland endet und die zehnte beginnt. Ein Flächennaturdenkmal, einsam im Wald. Seltene Pflanzen und Insekten gedeihen dort. Annehmlichkeiten der Zivilisation, zum Beispiel Hotelbetten, Supermärkte, Asphalt oder öffentlicher Nahverkehr, eher weniger.Also unterbreche ich meinen insgesamt 290 Kilometer langen Weg gen Osten nach der neunten Etappe nur fürs Picknick und nehme dann gleich die zehnte Etappe in Angriff. Sie führt durch ausgedehnten Forst, senkt sich hinunter nach Johanngeorgenstadt und mäandriert dann um die Stadt herum.

Ein geschundener Ort. Nirgends sonst im Erzgebirge schlugen die Amplituden der Geschichte so heftig aus wie in der einstigen Silberbergbaustadt. In wenigen Jahren blähte sie nach dem Krieg "dank" der Wismut enorm auf - und schrumpfte dann um ein Vielfaches. Ein Ballon, den jemand aufgepustet hat, um ihm gleich wieder die Luft herauszulassen. Stets dabei, wenn über Abriss, Wegzug, Rekordschulden zu lesen ist. Zug mit einem Passagier Meine Erinnerung an die Stadt ist grau und unscharf. Als sich vom Stadtteil Pachthaus aus der Blick öffnet, bin ich überrascht. Von hier aus wirkt das Panorama keineswegs trostlos. Ich sehe ein weites Tal. Häuser ragen aus grünen Hängen.

Am Horizont Blöcke aus sozialistischen Tagen. Die Stadtkirche dominiert das alles. Dazu ein großes rotes Gebäude. Eine Schule vielleicht? Später erfahre ich, dass in dieser Schule längst keine Kinder mehr lärmen. Im Tal überquere ich die Bahnstrecke. Der Zug gen Karlsbad fährt vorüber. Die tschechische Diesellok zieht drei Wagons. Ich sehe genau einen Passagier: den Schaffner. Mit dem Auto oder zu Fuß gelangen weit mehr Menschen nach Tschechien. Sie haben es nicht weit: Potuckys Einkaufsmeile beginnt direkt an der Grenze. Dort herrscht Leben. In dem, was von Johanngeorgenstadts Altstadt übrig blieb, ist es dagegen still. Der an Denkmalen reiche Markt symbolisiert diese Tragik. Unter einem Markt stelle ich mir den Mittelpunkt einer Ortschaft vor. In Johanngeorgenstadt liegt die nach dem Markt benannte Bushaltestelle mitten im Wald.

Museum seiner Geschichte Schon bald lasse ich die Straßen der Stadt links liegen. Es geht an der Anton-Günther-Höhe entlang und an der Jugendherberge vorbei zum Lehmergrundbach. Ich treffe Uwe Thonfeld, der in Geyer ein Erlebniszentrum rund um Steine betreibt und sein Hobby zum Beruf machte. Im Bach hat er jede Menge Minerale verteilt, Gäste des Landschulheims dürfen sie nun "wiederfinden". Die Kinder waten durch das Wasser, fischen weiße, rötlich oder braun schimmernde Brocken heraus. Thonfeld erklärt den Nachwuchs-Geologen später, was sie da eigentlich "entdeckt" haben.Der Kammweg führt aber nicht Untertage, sondern aufwärts.

Ich passiere die Schanzenanlagen. Vom Loipenhaus aus kann ich einen Blick zurück werfen, wo der Keilberg am Horizont grüßt. Es geht rechts, links, rechts, links, auf mal feuchten, aber immer angenehm zu laufenden Wegen. Und schon habe ich mit dem Ortsteil Steinbach sozusagen das Ende Johanngeorgenstadts erreicht.Irgendwie ist mir die Stadt sympathisch geworden. Wer ihre Geschicke lenken muss, steht vor immensen Problemen. Dennoch: Mit ihrer Gestalt wirkt Johanngeorgenstadt auf mich wie ein Museum seiner eigenen Geschichte. So weitläufig, wie sie ist, so voller Natur, hat die Stadt einen einzigartigen Charakter. Diesen Charakter kennen zu lernen, das fand ich alles andere als langweilig. Viele Hinweis-Schilder auf "belegte" Ferienzimmer beweisen mir, dass ich mit dieser Meinung ja auch nicht ganz allein dastehe.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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