Blauer Himmel, grüne Wiesen und reichlich Löwenzahn machen die zweite Kammweg-Etappe zum farbenfrohen Erlebnis. Foto: Frank Hommel Blauer Himmel, grüne Wiesen und reichlich Löwenzahn machen die zweite Kammweg-Etappe zum farbenfrohen Erlebnis.

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2. Etappe: Das Erzgebirgspanorama von Holzhau bis Sayda genießen

Die Macher des neuen Kammwegs Erzgebirge-Vogtland kennen ihre Pappenheimer. Nachdem der erste Tag körperlich gleich in die Vollen ging, verspricht der zweite Abschnitt von Holzhau nach Sayda eine "leichte" Etappe. Warum das schlau ist, merke ich, als ich mich morgens aus dem Bett hieve. Der Muskelkater, gestern 25 Kilometer lang gut genährt, hat sich über Nacht aus meinen Waden, Knien und Oberschenkeln ein gemütliches Körbchen gebastelt.

Daraus lässt er sich nicht vertreiben. Beim Hauch einer Bewegung fährt er die Krallen aus. Also nichts überstürzen mit dem Loslaufen. Lieber noch ein Plausch mit Iris Gläser. Die Chefin des Hotels Talblick drückt ihren Gästen Wegbeschreibungen von Touren in die Hand, die sie selbst abgesteckt hat. Für den neuen Kammweg ist sie Feuer und Flamme. Ihr Finger fährt über die Landkarte. "Die alte Route ging auf der anderen Seite des Tals schnurgerade über die Anhöhe, kilometerweit." Nicht eben der Traum erlebnishungriger Wanderer. Also hat Iris Gläser mit Rolf Ebert, dem Vater der neuen Route, selbst einige Abschnitte getestet. Ein Teppich aus Humus und Laub Seitdem ist der Vogtländer ein gern gesehener Gast. Und der Kammweg alles, nur nicht eintönig. Dass ich noch 16 Etappen und 265 Kilometer vor mir habe, sprach sich wohl herum. "Und, wie weit geht es heute", fragt ein Mann, als ich aus dem Hotel humpele.

"Zwölf Kilometer", sage ich. "Nur?" Die Leute scheinen ehrlich enttäuscht. Mir dagegen scheinen schon die ersten zwölf Schritte einer Tortour gleich.Doch der liebe Gott entdeckt sein Herz für meinesgleichen. Keine Wolke trübt den Himmel. Der Sonnenschein lässt den Löwenzahn leuchtend Spalier stehen. Der Weg mit dem Schriftzug "Kamm" führt an Bergwiesen entlang, saftig wie Almen, auf denen Heidis Geißenpeter seine Ziegen hütete. Von der Antenne etwas abseits bietet sich ein Blick, so berauschend, dass der Kater vorläufig einschlummert. Meine Schritte federn auf dem Waldboden wie einem Teppich aus Humus und Laub.Erstes Ziel ist Rechenberg.

Im Ort erhebt sich der Bergsporn einer seit Jahrhunderten verfallenen Burg. Nicht weit davon betreibt die ortsansässige Brauerei seit 2002 das Sächsische Brauereimuseum. Die dicken Mauern des historischen Gebäudes verbergen einen komplett erhaltenen Brauereibetrieb mit beinahe hundert Jahre alter Technik. Schrotmühle, Sudhaus, Gärbottiche, Hopfenseiher. "Als nach der Wende Investitionen anstanden", erzählt Brauerei-Besitzer Andreas Meyer, "haben wir uns gesagt: Das können wir nicht kaputt machen."Gebraut wird heute schräg gegenüber. Alte Gerätschaften sind liebevoll restauriert. Und wer die Führung verpasst, kann sich im Kreuzkeller wenigstens vergewissern, dass auch die heutigen Braumeister ihr Handwerk verstehen.Der Kammweg verlässt das Tal nach Südwesten.

Es geht aufwärts, durch Wald, an Feldern und Wiesen vorbei. Das Erzgebirgspanorama ist jede Picknick-Pause wert. Auch der wieder fitte Muskelkater kann sich einfach nicht sattsehen. Erhebe ich mich, miaut er jedes Mal bitterlich. Die Kunst liegt in der Mitte Eine Lichtung gibt den Blick auf einen fernen Kirchturm frei. Nur schemenhaft lässt sich ein Gerüst erkennen. Der dazugehörige Ort wirkt mit seinen Alleen, die aus allen Himmelsrichtungen auf ihn zuströmen, von fern wie ein Städtchen in Brandenburg. Es ist Sayda.Ganz soweit führt die Etappe nicht. Das offizielle Ziel, das Hotel Kreuztanne, liegt einige Kilometer vor den Toren der Stadt. Der Muskelkater schreit nach Ruhe, nach der feuchtheißen Sauna des Hotels. Umsonst. Weil der Bus, der mich aus dem Wochenendtraum in die Wirklichkeit befördert, am Markt abfährt, werden aus zwölf doch noch 16 Kilometer.Lohnenswert ist der Umweg über Friedebach. Schon allein wegen Hans-Jürgen Wenzel. In seiner Röhrenbohrerei verwandelt er noch heute Baumstämme in Wasserleitungen.

Von zwei Seiten werden 3,50 Meter lange Stämme angebohrt. "Die Kunst ist, dass sich die Bohrer in der Mitte treffen", sagt Wenzel. Zwei Jahre lernte er das Handwerk vom Großvater, bis ihm das gelang. "Vorher kam immer einer irgendwo an der Seite heraus."Er ist der einzige Röhrmeister in Europa, sagt er. Seine Enkel lassen ihn hoffen, dass er nicht auch der letzte ist. Aus seinem eigenen Brunnen führt eine hölzerne Leitung zum Haus. Wenzel schwärmt: "Trinke ich meinen Sonntagskaffee, schmeckt der weder nach Metall noch nach Plastik." Vielleicht kann ich beim nächsten Besuch in Friedebach von diesem Kaffee auch den Muskelkater einmal kosten lassen.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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