Ein bronzener Geselle erinnert an den Froschkönig. Ein bronzener Geselle erinnert an den Froschkönig.

Foto: Frank Hommel

3. Etappe: Schlösser, die verzaubern, säumen den Weg von Sayda bis Seiffen

Ein Kollege wanderte einmal 60 Kilometer an einem Tag. Von Kirchberg aus den Auersberg hinauf und wieder hinunter. Daran denke ich, als ich mir die von den Wegemachern vorgeschlagene dritte Etappe meiner so stolz begonnenen 290-Kilometer-Kammweg-Tour anschaue. 25 Kilometer zählte die erste Etappe, zwölf die zweite. Die dritte, vom Hotel Kreuztanne bei Sayda hinüber ins Spielzeugdorf Seiffen, erstreckt sich über schlappe 9,6 Kilometer.

Und ist mit 296 Höhenmetern auf- und 353 abwärts auch noch ziemlich flach. Manuel Andrack, Wanderbuchautor und Ex-Harald-Schmidt-Partner, sagt, unter zehn Kilometer ist "Spazieren". Für Flaneure ein schönes Wort, für Wanderer die Höchststrafe. Gut, Herr Andrack. Ich schnüre also nicht die Wander-, sondern die Spazierstiefel und schultere den Spazierrucksack. Wer länger läuft als diese 9,6 Kilometer, läuft nämlich an viel Interessantem vorbei. Und wird viele spannende Menschen niemals treffen. Riesige Gesellen weisen den Weg Es geht durch den Wald, über die Straße, auf schmale Pfade. Der Weg senkt sich, bald schmiegt sich Neuhausen ins Tal. Samstagmorgen, die Zeit steht still. Ein Mann tuckert mit der Simson heran. Ein Schwatz über den Gartenzaun, weiter geht's.In ehrfürchtigem Abstand führt der Kammweg an Schloss Purschenstein vorbei. Ich will mir das Ensemble über Neuhausen näher anschauen und biege am Parkplatz links ab. Die Niederländer, die den einstigen Adelssitz in ein nicht minder nobles Hotel verwandelten, lassen hier und da noch werkeln.

Im Internet lese ich später, dass sie bereits ein Schloss in Frankreich auf Vordermann brachten. Verzaubert wirkt der kleine Schlossgarten. Ein bronzener Geselle erinnert an den Froschkönig. Er stimmt ein auf die märchenhaften Länder, die noch des Weges harren.Zum Beispiel das Reich des Nussknackerkönigs, ein privates Museum der Familie Löschner. Die riesigen Gesellen gegenüber der Kirche weisen den Weg. Wer denkt, Nussknackermuseum hört sich langweilig an, irrt. Die 5000 hölzernen Gesellen wissen zu fesseln. Die alten, exotischen, edlen, satirischen Exemplare unter ihnen sowieso. Gleich nebendran haben die Löschners noch ein Stuhlmuseum eingerichtet. Nicht jedes Märchen geht gut aus. Die Löschners sind eigentlich Maschinenbauer. Ihre Firma belieferte einst auch Neuhausens Stuhlindustrie. Der letzte dieser Betriebe, erzählt Uwe Löschner, hat erst vor wenigen Wochen aufgegeben.Nicht abwärts, sondern aufwärts führt der Weg. Auf den Schwartenberg, 789 Meter hoch. Am Fuß des Berges grünt der Garten der Familie Partzsch.

In diesen Hektar Leben kommt kein Gramm Chemie. Margit und Günter Partzsch machen ihren eigenen Honig. Sie geben Wanderern davon zu kosten und zeigen ihnen im Inneren des Bienenstocks, wie die Insekten zu Tausenden den Nektar in die Waben füllen. Versprechen stets gebrochen Gegenüber thront das Schloss. Eine Idylle, möchte man meinen. Da erzählt Günter Partzsch, dass viele Bienen-Schwärme kränkeln. Dass die Kinder der Arbeit hinterherzogen und in der Ferne heimisch wurden. In Neuhausen hat die Zukunft Adieu gesagt. Und doch kommt Günter Partzsch nach jedem Urlaub gern heim. Woanders als im Erzgebirge, er schüttelt den Kopf, da könnte er nicht leben. Drei Kilometer später fühle ich, was er meint. Auf dem Schwartenberg strecke ich die Nase in die Sonne, lasse mir den Schweiß vom Wind trocknen und vergleiche die Berge am Horizont mit den Namen und Linien, die auf der Bronzetafel in die Ferne weisen.

Seiffen versteckt sich hinter Büschen und Bäumen. Aber rund ums Spielzeugland sind Scharen von Wanderern unterwegs. Oder von Spaziergängern? Christian und Cornelia Lange aus Dresden kommen jedes Jahr ins Erzgebirge. Die gegenseitigen Versprechen, diesmal im Volkskunstladen nicht schwach zu werden, haben sie noch jedes Mal gebrochen. Also folge auch ich dem Ruf des Spielzeuglandes. Das mich gefangen nimmt, als wäre ich noch das Kind, das vor Jahren einmal mit großen Augen im Spielzeugmuseum stand. Das mich fasziniert, wenn der Reifendreher im Freilichtmuseum einen groben Klotz in Dutzende zarte Rehe zerteilt. Etwa so, wie der Tag die 9,6 Kilometer zerteilte. So viele Eindrücke, die mich ins Kissen sinken lassen, so erschöpft, als wäre auch ich 60 Kilometer gelaufen. Oder zumindest beinahe.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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