Durch jede Menge lichten Buchenwald läuft die vierte Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland von Seiffen nach Olbernhau-Grünthal. Foto: Frank Hommel Durch jede Menge lichten Buchenwald läuft die vierte Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland von Seiffen nach Olbernhau-Grünthal.

Foto: Frank Hommel

4. Etappe: Der Weg von Seiffen nach Olbernhau hat Potenzial

Was sind Britscheln? Bevor ich Gerd Brückner traf, wusste ich das nicht. Ja, selbst die Existenz des Begriffs Britscheln war mir bis dahin verborgen geblieben. Aber Fragen aufwerfen und sie dann beantworten, das kann Gerd Brückner gut. Er war Lehrer von Beruf. Biologie. Weil ihm der Lehrplan die Freiheit ließ, Themen wie Ökologie vor Ort im Wald anzupacken, hat er einst mit seinen Schülern die Wanderwege um Seiffen in Schuss gehalten. Quasi praktischer Unterricht. Der Wald hat ihn nicht losgelassen. Heute, im Ruhestand, führt er Wandergruppen durchs Erzgebirge. Und Abends weiht er sie in die Geheimnisse der erzgebirgischen Mundart ein. Bei diesen Schulstunden soll gequatscht und herzlich gelacht werden.Ich aber habe ihn nicht angerufen, um zu lernen, was Britscheln sind.

Ich will wissen, wie er die Erfolgsaussichten des neuen Kammwegs Erzgebirge-Vogtland sieht, bevor ich mich auf den Weg der vierten Etappe mache. Brückner breitet eine Karte aus, die den Weg in seiner ganzen Länge zeigt. Ein blaues Band, das sich vom Osterzgebirge über 290 Kilometer bis Thüringen schlängelt. Der Weg hat Potenzial, sagt Brückner. Das Zertifikat "Qualitätswanderweg" steht dafür. "Die Wanderer wissen so, dass Niveau da ist. Man muss aber schon Werbung machen." Aufs und Abs im Spielzeugdorf Kommt der Wanderer erst einmal vorbei, sagt Brückner, ist er so gut wie gewonnen. "Bei meinen Touren merke ich oft, dass die Leute Aha-Erlebnisse haben."

Der Wechsel von Wald und freier Sicht, die Natur und die Kultur, all das erwartet nicht jeder Fremde im Erzgebirge so geballt.Brückner leert sein Mineralwasser und reicht mir die Hand. Gleich wird er eine Schar aus Hessen begrüßen. Seiffen ist Touristik-Hochburg. Auf den Wegen rund ums Spielzeugdorf sind jede Menge Wanderer und Spaziergänger unterwegs. Der Kammweg erlaubt den Blick auf Seiffen von allerlei Perspektiven aus. Nachdem ich aber an der Spitzbergkreuzung zum letzten Mal den Dächern des Dorfs winke und, dem Schriftzug "Kamm" folgend, den Sielenweg abwärts Richtung Flöhatal eingeschlagen habe, umfängt mich Einsamkeit. Kein Mensch kreuzt mehr meine Pfade. Mir fällt auf, dass ich auf der gesamten Kammwegwanderung noch keinen echten Kammwegwanderer traf. Ich erinnere mich an die Worte von Anette Neubert. Sie betreibt das Hotel Seiffener Hof.

Dieses Haus steht sinnbildlich für die Aufs und Abs im Spielzeugland. Einst wurden darin Puppenmöbel hergestellt, im Zweiten Weltkrieg dann Munitionskisten. In der DDR folgte die Enteignung. Das Kombinat Vero ließ in der Fabrik Indianerdörfer zusammenpappen. Mit der Wende kam das Aus der Produktion. Sabine Neubert, die Tochter des einstigen Firmeninhabers Walter Kurz und Schwiegermutter der heutigen Chefin, übernahm ein heruntergewirtschaftetes Haus. "Wir haben mit Händen und Schubkarren den Dreck herausgeschafft", erinnert sich Anette Neubert. Die Familie hatte eine Idee: Ein Hotel mit angeschlossener Holzkunstwerkstatt. Wenn die Gäste sich nicht gerade selbst ausprobieren, fertigt Drechslermeister Hendrik Neubert vor allem filigrane und prunkvolle Pyramiden. Es braucht gehörig Puste Nur Weihnachten als Marke für die Gegend, das reicht Anette Neubert nicht. "Seiffen ist auch im Sommer schön. Doch das Thema Wandern ist nach der Wende erst einmal auf der Strecke geblieben." Hervorragend findet sie, dass sich das mit dem Kammweg ändert. "Man muss sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen." Und gute Ideen brauchen langen Atem. Wer wüsste das besser als eine Tourismus-Managerin, die Gäste aus ganz Deutschland lockt.

Zwei Jahre, schätzt sie, muss man dem neuen Weg geben, bevor man sehen kann, wie er einschlägt.Zwei Jahre. Was ist dagegen schon das bisschen Puste, das mich der Anstieg hoch zum Zechenweg kostet, nachdem ich die Flöha überquert habe. Der Wald ist licht, die Buchen stehen stramm. Wo sie weichen, überblicke ich Olbernhaus Ortsteil Oberneuschönberg. Ein Schornstein überragt das weite Tal, wo die Stadt beginnt.Die Kirche Oberneuschönberg versteckt ihre Hülle hinterm Gerüst. Wer mag, kann sich ein Modell des Gotteshauses als 30 Zentimeter hohes Lichterhaus ins Wohnzimmer stellen. Es wird Zeit, das Ziel zu erreichen, die Saigerhütte in Olbernhau-Grünthal. Nach Stunden durch Wald und Flur meldet sich mein Magen. Wäre ich ein Erzgebirger, er würde vielleicht nach Britscheln betteln. So aber verlangt er die hochdeutsche Variante: Denn Britscheln, das sind nichts anderes als Bratkartoffeln.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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