7. Etappe: Eisenbahnfreunde kommen von Satzung bis Bärenstein auf ihre Kosten

Vom Hirtstein aus selbst ist er noch nicht zu sehen, versteckt sich hinter Bäumen. Wer aber vom Start der siebten Etappe des neuen Kammwegs Erzgebirge-Vogtland nur ein paar Schritte geht, der sieht den Fichtelberg neben seinem Bruder, den böhmischen Keilberg, am Horizont aufragen. Um den Ehrfurcht gebietenden Anblick zu genießen, verlasse ich ausnahmsweise die am Waldrand entlangführende, mit blauen Streifen und dem Wort "Kamm" ausgewiesene Route.

Stattdessen laufe ich 100 Meter parallel davon durch den lichten Wald einiger Windräder am Ausläufer des Hirtsteins.Auch Verfechter erneuerbarer Energien wie ich müssen bemerken, dass einer der Rotoren an seinem Stengel bei jedem Umlauf bedenklich quietscht. Wie wäre es vielleicht mit einem Tropfen Schmiermittel? Auch umweltfreundlicher Strom braucht offenbar Öl. Die Gelenke sollten für die siebente Etappe nicht minder gut geölt sein. 22 Kilometer Kammweg warten auf mich. Lohn ist eine reizvolle Strecke. Der Fichtelberg bleibt noch Zukunftsmusik. Mein Ziel heute heißt Bärenstein. Mit 898 Metern hoch genug. Eisenbahner freut jeder Besuch Zunächst geht es abwärts. Sechs Kilometer durch den Fichtenwald. Immer steiler neigt sich der Weg, in Schmalzgrube ist das Preßnitztal erreicht. Die von Enthusiasten wieder aufgebaute Schmalspurbahn hat das Tal berühmt gemacht.

Bis zum Jöhstädter Ortsteil Schlössel führt der Kammweg an den Gleisen entlang. Wer die Züge unter Volldampf durchs Tal brausen sehen will, muss am Wochenende kommen. Doch auch unter der Woche freuen sich die Eisenbahnfreunde über jeden Besucher. Zum Beispiel in der Wagen- und Ausstellungshalle direkt am Kammweg. Hallenwart ist Dietmar Hahn. Gern zeigt er den Besuchern sein Reich, in dem Lokomotiven und Anhänger auf ihre Einsätze warten und die vielen Helfer immer etwas zum Werkeln finden. Die Vereinsmitglieder haben viele Wagen und Loks selbst aufgetrieben und aufgebaut. Aus der Zeit, als die Bahn noch regulär fuhr, war kaum etwas erhalten geblieben. Trügerische Nähe Hahn zeigt auf einen Wagen, der so blitzblank gewienert in der Halle steht, als käme er eben aus dem Werk: "Dieser Wagen diente zum Beispiel schon als Hühnerstall."

Mehr als 400 Mitglieder zählt der Verein, darunter welche in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden. "Hier haben sich viele Eisenbahnverrückte zusammengefunden", sagt Peter Wolf. Der Sachse hat sich im jahrelangen Exil einen Berliner Zungenschlag angewöhnt. Er bearbeitet am Schraubstock den Zeiger einer großen, alten Uhr. Das Echo seiner Hammerschläge hallt durchs Gebäude.Die Eisenbahner sind freundlich. Viele Interessierte kommen auf ein Hallo bei ihnen vorbei, erzählt Hahn. Kürzlich hat er einen Wanderer aus Bayern getroffen: "Der war vom Kammweg total begeistert. Und ich werde den Weg eines Tages auch selbst in Angriff nehmen." Ich kann dazu nur ermuntern. Dann geht es weiter.

Der Kammweg führt, oft mit schönem Blick auf die Stadt, entlang der böhmischen Grenze südlich um Jöhstadt herum. Er folgt der Route der einstigen Salzstraße: Eine der ersten Straßen durchs Erzgebirge überhaupt, berichten Hinweistafeln. Als ich auf einer Anhöhe eine Lichtung erreiche, taucht der Bärenstein auf. Er gaukelt mir trügerische Nähe vor. Denn erst geht es noch, am Zigeunerfelsen vorbei, hinunter zur Brettmühle. Am romantischen Floßgraben entlang bis Kühberg. Und dann muss auch ich Volldampf geben. 250 Höhenmeter in knackigen Anstiegen. Ich keuche wie ein Dampfross, doch es lohnt sich. Der Blick vom Bärenstein mit seinem Turm aufs Erzgebirge ist grandios. Und der Fichtelberg ist nun zum Greifen nah.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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