Im Gepräch mit Jens Weißfolg. Im Gepräch mit Jens Weißfolg.

Foto: Frank Hommel

8. Etappe: Die Königsstrecke von Bärenstein bis Oberwiesenthal steht bevor

Wäre dies die Tour der France, stünde mir heute die Königsetappe bevor. Hinauf auf den höchsten Punkt aller 17 Etappen. Auf den 1214 Meter hohen Fichtelberg. Vom Start am Fuß des Bärensteins aus sieht man den Gipfel mit seinem markanten Haus majestätisch über dem Land thronen. Daneben: Sein noch etwas größerer Bruder, der turmgeschmückte böhmische Keilberg. Ist der Keilberg der Kaiser des Erzgebirges, dann ist der Fichtelberg immerhin König.Als Profiradler wäre ich optimal vorbereitet, diesen König zu bezwingen. Eben noch hätte mich ein spanischer Arzt, inkognito eingeflogen über den Flughafen Chemnitz-Jahnsdorf, an den Tropf gehängt.

Die Flaschen wären sorgfältig etikettiert mit meinen Initialen (einen Hund, dessen Name sich als Deckname eignen würde, besitze ich leider nicht). Darin: mein eigenes, sauerstoffreiches Blut. Als Leckerli gäbe es eine Portion Epo obendrauf. Und an der Strecke würden mich Tausende Menschen bejubeln, weil ich meinen Körper so selbstlos dem medizinischen Fortschritt opfere ... Applaus für einen Hotelier Zum Glück ist dies nicht die Tour de France, sondern der Kammweg Erzgebirge-Vogtland. 290 Kilometer zu Fuß. 290 Kilometer, auf denen ich meist Ruhe und Einsamkeit genieße. Vom Bärenstein zum Fichtelberg zählt der Weg 20 Kilometer. Zunächst geht es abwärts. Hinunter zur Talsperre Cranzahl. Der Name des Dörfchens klingt Eisenbahnfans wie Musik in den Ohren. Dort startet die Fichtelbergbahn gen Oberwiesenthal. Das Pfeifen der Lokomotiven, die durchs Tal der Sehma schnaufen, ist weithin zu hören und begleitet den Wanderer über die gesamte Etappe. Die weiß-blau-weiße Markierung mit den vier großen Buchstaben "Kamm" weist gen Süden.

Der Fichtenwald ist licht, das Terrain anfangs eher eben. Die an der Toska-Bank angekündigte Aussicht entpuppt sich als ein Blick von versprengten Felsen auf grüne Baumkronen. Ähnlich später am zerklüfteten Kreuzbrückfelsen. Dort habe ich bereits Kretscham-Rothensehma passiert, die Fichtelbergbahn gekreuzt und in einem empfindlichen Stich die 1000-Meter-Höhenlinie bewältigt.Vom Felsen aus sind es nur noch ein paar Schritte zum Appartementhotel Jens Weißflog. Eine Busladung Augsburger speist gerade zu Mittag. Applaus, als der Hotelier das Restaurant durchquert. Ich bin mit ihm verabredet. Ein Gast nach dem anderen tritt an unseren Tisch. Erzählt dem einstigen Olympiasieger, wie er damals mitfieberte am Bildschirm. Bittet um ein Autogramm, für sich, für die Gattin. Vielleicht auch für den Hund: Nicht alles, was sie vorbringen, ist zu verstehen. Weißflog nickt und lächelt, als sei ihm die Aufregung noch immer etwas peinlich: "Kommt eine Reisegruppe, ist das eigentlich immer so." Ein Zerren und Ziehen Zum neuen Kammweg sagt er: "Gut, dass wir dabei sind im Konzert der zertifizierten Wege." Denn das Erzgebirge sei weiter unterschätzt: "Immer wieder sagen Gäste: So schön hätten wir es uns gar nicht vorgestellt.

Oder: Ach, hier kann man ja gut wandern. Die Leute erwarten oft weniger, als wir zu bieten haben. Da gibt es Hoffnung, dass der Kammweg zu Ausstrahlungskraft verhilft."Dennoch hebt der einstige Überflieger nicht ab: "Die Masse der Gäste kommt im Winter. Das werden wir nur schwer ändern. Mit Begriffen wie ,unverwechselbar' fürs Erzgebirge kann ich nichts anfangen. Es kommt darauf an, was wir den Gästen geben. Worauf wir sie stoßen. Das können die kleinen Dinge des Lebens sein. Menschen aus der Großstadt können vielleicht einmal frei durchatmen."

Dass er seiner Heimat treu blieb, will er auch nicht als eine Art Bekenntnis herausstellen: "Es hat sich glücklich ergeben, dass ich meinen Namen in so ein Objekt investieren konnte." Gern würde ich noch etwas bleiben, doch das Finale wartet. Der Kammweg bezwingt den Fichtelberg von Norden her. Dort ist es nicht sonderlich steil. Ich laufe durch eine Landschaft, deren tundra-artige Gräser und geduckte Fichten erahnen lassen, welche Urgewalten des Wetters manchmal an ihnen ziehen und zerren. Der federnde Weg übers Moor entschädigt für eintönige Forstwege zuvor. Und die Aussicht aufs Erzgebirge entschädigt sowieso für alles. Auch wenn sich die Radler der Tour de France zugegebenermaßen auch ohne Doping für ihre Etappen ungleich mehr ins Zeug legen müssen.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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