Der Fichtelberg verhüllt seinen Gipfel in einem Schleier aus Nebel. Das verleiht der Landschaft ein verzaubertes Antlitz. Foto: Frank Hommel Der Fichtelberg verhüllt seinen Gipfel in einem Schleier aus Nebel. Das verleiht der Landschaft ein verzaubertes Antlitz.

Foto: Frank Hommel

Die neunte Etappe: Von Oberwiesenthal nach Breitenbrunn tragen die Routen berühmte Namen

Als ich Punkt neun Uhr morgens die erste Kabine der Schwebebahn besteige, die mich von Oberwiesenthal hinauf zum Fichtelberg trägt, zeigt sich Sachsens höchster Gipfel von einer nur allzu bekannten Seite. Nämlich gar nicht. Er versteckt sich in einer dicken Wolkendecke. Verhüllt sein Gesicht im Nebel. Eine Braut, die erst am Traualtar den Schleier hebt und dem Bräutigam ihr Antlitz nicht vor dem ersten Kuss offenbart.Ich bin aber kein Hochzeitswetter-Wanderer. Gehe die neunte Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland vom Fichtelberg hinunter nach Breitenbrunn klaglos an. Früh am Sonntagmorgen bin ich der einzige Fahrgast der Schwebebahn.

Auch auf dem Plateau: Weit und breit niemand zu sehen. Wobei, unter weit und breit sollte man sich bei diesem Wetter nicht allzu viel vorstellen. Schon der Turm des Fichtelberghauses verschwindet in den Wolken. Als trügerisch erweist sich meine Hoffnung, vor dem Abmarsch noch einen Kaffee zu schlürfen. Den kriegt man hier oben erst ab Zehn. Solange will ich nicht warten.

Mit Mühe finde ich in dieser dicken Suppe die weiß-blau-weiße Kammweg-Markierung, der ich nun schon seit 135 Kilometern folge. Am Ende dieser Etappe werden es 154 Kilometer sein. Die Hälfte der insgesamt 290 Kilometer langen Tour habe ich dann bereits hinter mir. Zunächst geht es die Wellenschaukel parallel zur Straße abwärts. Der Weg verliert sich im grauen Nebel. Bäume tauchen aus dem Nichts auf, verschwinden wieder. Nahe eines Unterstands sitzen zwei Krähen.

Aufgeschreckt flattern sie davon, krächzen dem Störenfried einen garstigen Gruß hinterher. Die Szenerie erinnert mich an einen Film: Und zwar an den, in dem Sherlock Holmes und Doktor Watson den Hund von Baskerville durchs südenglische Dartmoor jagen. Ein Stück weit teilt sich der Kammweg die Strecke mit zwei auf berühmte Erzgebirger getaufte Routen. Doch der Jens-Weißflog-Rundwanderweg und die nach dem tschechischen Langläufer Lukáš Bauer benannte Loipe zweigen bald südlich nach Tschechien ab. Immer wieder führt der Kammweg direkt an Wanderweg-Grenzübergängen mitten im Wald vorbei. EU, denke ich, das ist eben nicht nur ein sich selbst fütterndes Bürokratiemonster wie in Franz Kafkas Roman "Das Schloss". Europa hat auch gute Seiten: An den Übergängen stehen lediglich zwei Schilder. Eines trägt das tschechische Wappen mit zwei böhmischen Löwen sowie dem mährischen und dem schlesischen Adler. Gegenüber der Bundesadler. Sonst nichts. Diese schlichte Grenze verdient ihren Namen Gott sei Dank nicht mehr.

Der Kammweg aber bleibt, hiesigen unbestechlichen Förderrichtlinien verpflichtet, in Deutschland. Ich folge unbestechlich der Markierung. Das Pöhlwassertal zieht sich. Zwischen strammen Fichten grünen saftige Bergwiesen. Als Ziege könnte ich prächtige Mahlzeiten genießen. Der menschliche Wanderer labt sich lieber in Wirtshäusern in Tellerhäuser oder Ehrenzipfel. Seit 49 Jahren auf Tour. Zum Picknick lädt die Schutzhütte mit Blick auf Rittersgrün. Wind und Sonne haben den Nebelschleier längst in Fetzen gerissen. Auf einem Schild stehen ein paar Zeilen des allgegenwärtigen Anton Günther: "Wu de Walder haamlich rauschen, wu de Haad su rötlich blüht, mit kan König möcht ich tauschen, weil do drubn mei Haisel stieht."Gelegentlich kommen Klaus und Steffi Reißmann vorbei. Sie wohnen unten im Tal und durchstreifen am Wochenende ihre Heimat.

"Bekommen wir Besuch von auswärts", erzählt Klaus Reißmann, "dann sagen uns die Leute: Ihr braucht ja gar nicht mehr in Urlaub fahren." Was die Reißmanns natürlich dennoch gern tun. Aber genauso gern kehren sie zurück: "Wer die Bergwelt liebt, wird sie nie missen wollen."Dem können auch Fritz Schulze (72) aus Berlin und Horst Herz (74) aus Köln zustimmen. Die beiden gehen seit sage und schreibe 49 Jahren gemeinsam auf Tour. "Beim Wandern kann man mehr genießen", sagt Schulze, "kann sich unterhalten, aber auch den Dingen nachhängen." Sämtliche deutschen Mittelgebirge haben sie schon erkundet - nur das Erzgebirge fehlte noch. Von Klingenthal aus rücken sie ihm nun zu Leibe. Heute wollen sie bis auf den Fichtelberg kommen. Auch für mich geht es zum Ende der Etappe noch einmal steil bergauf. Denn die Himmelwiese macht ihrem Namen alle Ehre. Diese Wiese, unweit des winzigen Weilers Halbemeile, ist von den Wegemachern als Etappenziel auserkoren. Wer es bis dort oben geschafft hat, darf sich willkommen fühlen - willkommen mitten im Nirgendwo.

 

 
erschienen am 12.06.2012
 
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