Tannhäuser (Ricardo Tamura) hat sich den sinnlichen Freuden im Reich der Venus (Nathalie Senf) hingegeben und erwacht aus seinem Traum. Es zieht ihn zu den Sterblichen zurück.

Foto: Peter Awtukowitsch/Theater Plauen-Zwickau

Aktueller Theatertipp: Oper "Tannhäuser" begeistert im Gewandhaus Zwickau

Zwickau. Roland Mays Inszenierung des "Tannhäuser" am Theater Plauen-Zwickau erstarrt keineswegs in Ehrfurcht vor dem Meister. Dieser Tannhäuser sieht aus wie der Künstler Rainer Werner Fassbinder zu seinen struppigsten Zeiten, ein Provokateur, ein 68er, ein Suchender, zottelig, leger, ein bunter Vogel, der gern lebt und liebt. Er dringt in die geschniegelte Welt der Wartburggesellschaft ein, erschüttert die fest gefügte Ordnung aufs Heftigste und wird von ihr weggebissen. Das Publikum feierte zur Premiere euphorisch die Deutung in klaren, sehr genauen Bildern einer Diktatur als ein herausragendes Fest für Sänger. Nur das Inszenierungsteam bekam zwei vereinzelte Buh-Rufe zu hören.

Staat in Uniform

Der Regisseur setzt auf Konfrontation, er schärft die Sicht auf den Grundkonflikt. Sinnliche Lust empfindet Tannhäuser im Reich der Venus, doch in Elisabeth findet er Liebe. In Zwickau spielt das Ganze in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Dafür steckt der Regisseur den ganzen Wartburgstaat in Uniformen. Tannhäuser, der gerade der lockenden Venus entsagt hat, trifft auf Freunde von einst, eine Jagdgesellschaft. Die schwarze Uniform des Landgrafen Hermann lässt dabei Schlimmstes befürchten. Doch die Waffen-SS, an die man unwillkürlich zuerst denkt, hatte keine roten Kragenecken. Und das rote Barett der anderen Gefolgsleute ist auch heute in vielen Armeen üblich. Der Mix aus öligen Ledermänteln und steifen Outfits (Kostüme: Luisa Lange) signalisiert den starken Staat und damit eine Welt, in der der freiheitlich denkende Tannhäuser auf Granit beißt. Moral ist alles, eingezwängt in eine Eichenholz-braune Bühne vom Charme eines Arbeitszimmers (Ausstattung: Oliver Kostecka). Der vielseitig deutbare Raum ist Schauplatz für das verlockende Reich der Venus im Hörselberg, dann Jagdrevier in den Tälern der Wartburg, dann Sängerhalle.

Ricardo Tamura als Gast aus Brasilien formte in der Titelpartie einen Charakter, den man so schnell nicht vergisst. Im Lauf des Abends steigerte er sich mit einer beeindruckenden Intensität in die Rolle hinein, deren Anspruch selbst die größten Strategen zittern lässt, meistert das Elend, aber auch die unbeirrbare Größe der Figur mit starker, triumphierender, warm leuchtender Tenorstimme, mit traumhaft sicheren Höhen. Mit welcher Inbrunst er die Minnesänger über das wahre Wesen der Liebe belehrt, sie Hohn lachend bloßstellt, hat eine knisternde, filmreife Spannung, die den vierstündigen Abend kurzweilig macht.

Großer Auftritt

Eine Klasse für sich ist auch Katrin Kapplusch in der Rolle der Elisabeth, von der Holden zur Erlöserin: In dieser Form, mit diesem edlen Timbre, dieser Wahl ihrer Stilmittel, könnte sie derzeit an jeder Bühne des Landes mit Bravour bestehen. Wagner-Terrain eroberten Nathalie Senf als Venus und Hinrich Horn als Wolfram von Eschenbach, Nathalie Senf als stolzes, göttlich schönes, leidenschaftliches Wesen und Hinrich Horn als edelmütiger Gefährte, der durch Elisabeth und Tannhäuser die alten Dogmen verlässt. Sein Lied vom Abendstern war ein wahrhaft großer Auftritt. Die Klasse der gesamten Darsteller einschließlich des wortverständlich singenden Chores dürfte so manchen Zweifler überrascht haben und den Gang nach Zwickau zum lohnenden Ereignis machen. Das Philharmonische Orchester des Hauses unter Leitung von Lutz de Veer spielte seinen Wagner mit Schwung und Biss - wie es sich an einem Abend voller Wunder gehört.

Das Stück

"Tannhäuser" ist eine Oper von Richard Wagner. Sie entstand 1845, kurz nach dem "Fliegenden Holländer" und vor "Lohengrin". Der Sänger Tannhäuser hat sich darin im Venusberg den sinnlichen Freuden mit der Liebesgöttin Venus hingegeben. Doch auf der Sinnsuche zieht es ihn zurück auf die Erde, und seine Liebe zu Elisabeth bricht erneut hervor. Er stellt sich einem Sängerwettstreit - doch als er die dabei sinnliche Liebe anpreist, ruft er einen Skandal hervor.

Weitere Vorstellungen sind am 31. Mai und 2. Juni um 18 Uhr im Gewandhaus Zwickau. (mes)

www.theater-plauen-zwickau.de

 
erschienen am 27.05.2013 ( Von Marianne Schultz )
 
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