Kunsthandwerkerin Marlen Tröger mit ihrer Handkrippe. Das Kuugelgehäuse ist aus stark gezeichnetem Lindenholz gefertigt.

Foto: Toni Söll

Die Entdeckung der Natürlichkeit

Mit reduzierten Formen und viel Natürlichkeit erschließen sich die erzgebirgischen Kunsthandwerker seit einiger Zeit neue Zielgruppen. Die hölzernen Produkte aus dem Weihnachtsland werden damit zum Ganzjahresartikel.

Es grenzt fast an ein Wunder, dass an der Kreuzung von Bahnhofstraße und Hauptstraße in Kändler bisher noch kein Unfall passierte. Denn vor allem in der frühen Dunkelheit der Wintermonate zieht die Schaufensterscheibe eines Flachbaus die Blicke der Autofahrer nahezu magisch an. Hinter der Fensterfront steht Marlen Tröger. Wer die 30-Jährige dann im Licht einer 30-Watt-Werkstattlampe an ihrer Drechselbank arbeiten sieht, bei dem beginnt das Rattern im Kopf, schließlich ist der Ortsteil von Limbach-Oberfrohna bisher nicht als Zentrum der erzgebirgischen Volkskunst in Erscheinung getreten. "Ich wohne mit meiner Familie nur ein paar Kilometer entfernt in Röhrsdorf. Diese Räume hier standen leer. Ich fand sie für mein Konzept genau passend", erzählt die Absolventin des Schneeberger Studienganges Holzgestaltung.

2016 hat sie die Räumlichkeiten bezogen, und es spricht sich immer mehr herum, dass diejenigen, die das Besondere suchen, bei ihr fündig werden können. Da wäre zum Beispiel die von ihr entwickelte und 2014 mit dem Sonderpreis im Designwettbewerb "Tradition und Form" des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller ausgezeichnete Handkrippe. Die Kugel aus stark gezeichnetem Lindenholz drechselt sie selbst. Maria, Josef und das Jesuskind fertigt eine Drechslerei in Zwickau. "Die runde Form ist die perfekte Form. Sie kann in den Händen gehalten werden, auch von Kindern, denen das Anfassen der Krippe ja sonst in der Regel streng verboten ist", sagt Marlen Tröger.

Ruhe strahlt die Handkrippe aber nicht nur wegen der angenehm in den Händen liegenden Form aus: So sind die Figuren nicht angemalt, sondern nur gebeizt. Einzig der Stern über dem Trio glänzt golden. Dabei beherrscht Tröger auch die traditionellen Techniken. Ihr ganzjährig einsetzbarer Tischaufsteller legt Zeugnis davon ab. Für jede der vier Jahreszeiten sowie für die Weihnachtszeit gibt es einen bemalten Aufsatz, der jeweils fünf spielende Kinder in unterschiedlichen Situationen zeigt. "Für mich ist diese Arbeit ein Stück Traditionspflege", sagt sie. Auf die Frage, ob ihr das Traditionelle mehr liegt als das Moderne, gibt sie eine salomonische Antwort: Beides habe seine Zeit.

Dieter Uhlmann, Geschäftsführer des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller, würde das wohl so unterschreiben. Für das seit einigen Jahren zunehmende Angebot an natürlichem, auf die Form reduziertes Kunsthandwerk hat er gleich mehrere Ursachen ausgemacht. Da ist zum einen die steigende Nachfrage der Kunden nach natürlichen Produkten. Auf der anderen Seite sei gerade das Bemalen das Aufwändigste bei der Herstellung der Produkte. Und dafür würden im Erzgebirge immer mehr die Fachkräfte fehlen. "Zudem haben die Firmen ein Interesse daran, dass ihre Produkte nicht nur zur Weihnachtszeit gekauft werden", sagt Uhlmann.

In einer Zeit, in denen die einst lebenslang in der Wohnung stehende Schrankwand den austauschbaren Schrankelementen Platz gemacht hat, wird das erzgebirgische Kunsthandwerker damit zum festen Anker im Wohnzimmer. "Gerade die jungen Leute neigen dazu, sich schöne Einzelstücke zu kaufen und damit auch ihre Wertschätzung gegenüber dem Handwerk in der Region zum Ausdruck zu bringen", meint Andreas H. Fleischer. Der Gestalter aus Witzschdorf im Erzgebirgskreis ist beim letzten Designwettbewerb "Tradition und Form" mit zwei Entwürfen vertreten gewesen, die jeweilige Umsetzung wurde mit einem Hauptpreis ausgezeichnet. Während bei den "Wicht(e)n" für Näumanns Galerie für Holzkunst und Design in Seiffen die Farbe sparsam eingesetzt wurde, kommt die Figurengruppe "Heilige Nacht" für die Werkstatt moderner Figurenbildnerei von Günther Reichel in Pobershau ohne Farbe aus. Gemeinsam ist beiden Entwürfen, dass sie durch neue technische und formale Lösungen überzeugen. "Bei den Wichten sind die Augen nicht aufgemalt, sondern gebohrt. Durch das Spiel von Licht und Schatten entsteht die Augenform", sagt Andreas H. Fleischer.

Wenn sich die Kunsthandwerker neue Käuferschichten erschließen, heißt das nicht, dass sie das Jahr über weniger zu tun hätten. Im Gegenteil. "Ich hätte gern mehr Zeit zum Experimentieren, aber die Auftragsbücher sind voll", sagt Wolfgang Braun. Der Chef eines Vier-Mann-Betriebes in Deutschneudorf gewann erst 2017 mit seinen "Leuchterstelen mit Miniaturen" einen der Hautpreise im Designwettbewerb. Auf der Wettbewerbshomepage heißt es über den Entwurf von Elisabeth und Wolfgang Braun: "Mit ihrer Einfarbigkeit und matten Oberfläche setzen die ,Leuchterstelen mit Miniaturen' bewusst einen Kontrapunkt zu den bisherigen Erzeugnissen der mehrfach ausgezeichneten Deutschneudorfer Werkstatt und bringen eine neue Sichtweise hervor. Durch die naturbelassenen Miniaturen treten deren filigrane Gestaltung und die hervorragende handwerkliche Verarbeitung besonders deutlich hervor."

Mit den Stellen erschließe sich die Firma ein neues, designorientiertes Publikum, das die erzgebirgische Volkskunst bisher noch nicht im Blick gehabt habe. Die Besinnung auf Natürlichkeit und minimalistische Formen entspreche dabei auch der alten Gestalterregel "Form geht vor Farbe", so Braun. Wenn die Rohlinge vor ihm stehen und einen Blick auf die Maserung des Holzes gestatten, strahlten diese immer einen besonderen Reiz aus. Noch sind freilich die traditionell farblich gestalteten Artikel der Umsatztreiber. Sollte das Pendel aber eines Tages in die andere Richtung schlagen, ist er vorbereitet: "Wir haben noch einige Versuche im Musterschrank liegen."

 
erschienen am 06.06.2018
 
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