Mein schönster Heiligabend

1993, es war "Wende, alles ist im Umbruch, das letzte Weihnachten in unserer alten Mietswohnung; Alle Gefühle schwanken noch zwischen "Hurra" und "Hoffentlich geht wirklich alles besser". Das eigene Haus ist gekauft - unglaublich, noch immer! Wenn die alten Besitzer raus sind, müssen einige Modernisierungsarbeiten erledigt werden, aber der Abschied von der engen, kalten, dunklen Wohnung, welche gnädigerweise ein nachgerüstetes Bad in der Küche hat, ist definitiv. Jetzt gibt es kein Zurück mehr!

Der Weihnachtsstress war noch gar nicht zum Tragen gekommen, andere, größere Emotionen haben das Geschehen der letzten Tage und Wochen bestimmt. Zum Glück läuft alles nach alter Tradition ab. Stollen ist gebacken, das macht man ja in der Woche nach Totensonntag. Nun zwischen Kreditanträgen, Kaufurkunde, Umzugsplänen, Ausbauplänen und neuen Gerüchten von Betriebs- und Einrichtungsschliessungen backen wir Plätzchen. "Wir" - auch alles anders! Die vielen Freunde und Bekannten, die nie alle so richtig genügend Platz in der alten Wohnung hatten, haben sich ganz schön dezimiert!

Arbeitsplatzsuche und der Ruf der schönen weiten Welt haben einige bewegt, die Heimat auch noch nach ihrer eigentlichen Ankunft im Leben eines Erwachsenen zu verlassen. Was soll's! Es sind noch genug da und keiner ist aus der Welt! Es ist bald Weihnachten! Die schönen Backzutaten verwandeln sich nach und nach in lecker duftendes Weihnachtsgebäck. Alle Dosen,Töpfe und Schüsseln sind voll. Man trifft sich häufig mit netten Menschen, schnattert und nascht, tauscht Rezepte aus und freut sich, dass nicht alles anders geworden ist. Da wäre nur noch ein Problem: Wer macht dieses Jahr die Runde als Weihnachtsmann?

Leider hatte ich keine männlichen Verwandten, die dafür in Frage kamen. Aber ich stand auch nicht allein mit diesem Problem, denn viele Männer waren auf Montage gegangen, wussten nicht genau, wann sie den wohlverdienten Weihnachtsurlaub antreten können, wie sie über die Autobahn kommen, was die Familien, die ja alle ihre Männer, Brüder und Söhne sehnlichst erwarteten, so geplant haben am Heiligen Abend. Naja, die Planwirtschaft ist vorbei!, Spontaneität ist angesagt und bisher konnten wir uns ja immer aufeinander verlassen. Der letzte Stand der Dinge: Einer kommt, die Kirche ist 18.00 Uhr zu Ende, die Geschenke stehen an der Kellertreppe, schöne Feiertage!

Nach dem Gottesdienst trudelt allmählich die ganze Familie ein. Wann kommt der Weihnachtsmann? Gute Frage! Ich wäre ja schon froh, zu wissen, ob überhaupt einer kommt! Aber die Bewirtung der zahlreichen Gäste und das Vertrauen in meine eigene Spontaneität ließen mich wieder ruhiger werden. Der Tisch füllte sich, die Ofenwärme breitet Gemütlichkeit aus und das Beieinandersein sorgte für Geborgenheit. Das klappt bei den Kindern nicht so!

Aufgeregt und quirlig "stören" sie die behagliche Schwere nach dem Weihnachtsschmaus. Aber ich hatte das richtige Mittel dagegen! Als ein Erwachsener nach dem anderen beim Tischabräumen heimlich fragte, wer denn dieses Jahr der Weihnachtsmann sei. Nach der geflüsterten Neuigkeit breitete sich nach und nach eine Unruhe aus, als stünde man höchstens vor einer Grundschulklasse! Keiner wusste, "Fragt mich der Weihnachtsmann nach einem Gedicht?" oder "Soll ich gar ein Lied singen? So ein Mist!" Der "alte" Weihnachtsmann konzentrierte sich auf das Kind (wie es sich ja auch gehört!), aber was wird das dieses Jahr?

Ein bisschen musste mancher schon noch warten und "leiden" und die allgemeine Unruhe fiel auch keinem besonders auf. Endlich das langersehnte Klopfen! Ein großer, kräftiger Weihnachtsmann füllte den Türrahmen aus. Na frohes Fest, ich habe keine Ahnung, wer das ist! Wie kann ich ihm helfen? Was kann ich tun? Der " gute Alte" verhält sich ganz ruhig und sicher. Meine Freunde haben ihn gut informiert. Ich werde ganz gelassen und ein Kind. Alles ist aufregend und friedlich, vertraut und neu, eben Weihnachten.

Natürlich "durfte" jeder seinen Spruch aufsagen, und konnte es auch und war stolz darauf und leistete auch seinen Beitrag zum Heiligen Abend und war nicht nur Gast! Der große Lacher kam noch draußen vor der Tür, als sich der Weihnachtsmann im Dunkel des Hausflures die Maske abnahm! Es war einer meiner besten Freunde, der sich über den Sommer vor lauter Einsamkeit auf Montage einige Pfund "Frustspeck" zugelegt hatte, und deshalb auch für mich unerkannt blieb. Heute noch Danke für diesen Ausflug in die Kindheit! Das war nicht nur der letzte, sondern auch der schönste Heilige Abend in der "alten, kalten, dunklen" Wohnung.

 
erschienen am 22.12.2011 (Von einer Vogtländerin)
 
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