Weihnachten zuhause

Weihnachten bei uns daheim in Hainichen, wo wir seit Frühjahr 1948 bei unseren Großeltern mütterlicherseits wohnten, war für uns Kinder trotz der mageren Nachkriegsjahre immer ein ganz besonderes Fest. Nun, in der Vorweihnachtszeit wurden Plätzchen gebacken und dazu Sterne, Herzen, Engel, Gänse und andere Figuren aus dunklem Pfefferkuchenteig ausgestochen; schließlich vom Teigrest mit dem Fingerhut sogenannte Pfeffernüsschen geformt. Nach dem Backen wurden die Plätzchen mit Zuckermasse glaciert und mit Zuckerstreuseln verziert. Aufbewahrt wurden sie in einer größeren Reklame-Blechkiste.

Wir hatten auch einen Adventskalender. Natürlich war er damals sehr bescheiden gestaltet. Beim Öffnen eines Türchens zeigte sich ein kleines Bildchen, wie ein Apfel, ein Pferdchen, eine Christbaumkugel oder ein Nikolausstiefel. Wir hängten den Adventskalender an den Fensterwirbel, so dass die Bildchen durch das einfallende Licht besonders gut zu sehen waren. Wir hatten jeden Morgen beim Öffnen eines neuen Türchens unsere Freude.

Der vorweihnachtliche Höhepunkt war natürlich die Stollenbäckerei. Damals konnte man noch die zu Hause vorbereiteten Zutaten zum Bäcker bringen, beobachten, wie alles zu Teig vermengt  und der Stollen schließlich mit einem hölzernen oder blechernen Namenszeichen versehen in den großen Backofen geschoben wurde. Die Mandeln wurden mit heißem Wasser gebrüht, dann die Schale durch Druck zwischen Daumen und Zeigefinger entfernt und schließlich die Mandeln mit dem Wiegemesser zerkleinert. Rosinen wurden nach Waschen in lauwarmen Wasser nach Möglichkeit in Rum eingelegt; eine Prozedur, die in den ersten Nachkriegsjahren natürlich nicht möglich war. Schließlich wurden die anderen Zutaten, wie Mehl, Zucker, Butter und Butterschmalz in der erforderlichen Menge abgewogen.

Nach dem Backen wurden am Abend die etwa 20 herrlich duftenden Stollen in einem Waschkorb vom Bäcker geholt. Es waren Drei- und Vier-Pfünder. Aufbewahrt wurden sie in einer Kiste in der "Stollenkammer", einer Vorratskammer unter dem Dach. Dort hatte Mutter auch ständig einen Sack mit vielleicht 20kg Zucker "für besondere Notzeiten" und um die Weihnachtszeit wurden der mühsam erworbene Rollschinken, die harte Wurst und vielleicht auch ein geräuchertes Lendchen an der Zierde am oberen Teil eines älteren Schrankes aufgehangen.

Etwa 5 Stollen wurden verschickt; zu Onkel und Tante nach Amerika und zu Verwandten und Bekannten in den "Westen".          

Angeschnitten und probiert wurde der Stollen bei uns zu Hause meist schon am 4. Advent. Vorher wurde er gebuttert und gezuckert. Unsere Mutter meinte fast immer "also dies' mal schmeckt er mir überhaupt nicht". Sie wollte wohl einerseits Widerspruch und damit Lob für den gelungenen Stollen ernten, denn die Rezeptur war ja immer die gleiche, so dass der Geschmack doch auch immer gleich sein mußte. Durchaus aber kann ein unterschiedlicher Geschmack von Jahr zu Jahr durch unterschiedliche Qualität der Zutaten und des Backprozesses (Dauer, Hitze) möglich sein. Vielleicht hatte auch der Bäcker heimlich etwas Teig weggenommen und die fehlende Menge mit Mehl wieder aufgefüllt. Wer weiß?

Uns Kindern hat Mutters Stollen jedenfalls immer köstlich geschmeckt, vor allem, wenn wir hungrig vom Ski- oder Schlittenfahren nach Hause kamen. So ist zumindest die Erinnerung, dass es häufig weiße Weihnachten und Frost und Schnee im Winter gab.

Kein Weihnachten ohne Weihnachtsbaum. Das kleine Bäumchen wurde gewöhnlich am Vormittag des Heiligen Abends von unserem Vater geputzt, später, als ich größer war, durfte ich es tun. Die Frage war immer "mit oder ohne Lametta?". Meist haben wir uns dagegen entschieden, um das Aufhängen der Aluminiumfäden, das ganz akkurat sein musste und damit Mühe und Zeit kostete, zu vermeiden.

Eine besondere Weihnachtsbaumgeschichte ist mir noch in guter Erinnerung, die sich etwa Mitte der 50er Jahre zutrug. Unseren Weihnachtsbaum hatten wir nach dem Kauf bis zum Schmücken zum Frischhalten in den Hof gestellt. In einem Jahr hatte ein Mitarbeiter der Konsumverwaltung, der Räume in unserem Haus gemietet hatte, unseren Baum einfach für sich mitgenommen; er wohnte im etwa 10km entfernten Nachbarort Mittweida. Nun, Weihnachten ohne Baum war für uns unvorstellbar. Wir klagten unser Leid dem Vorsitzenden der Konsumverwaltung, der mit seinen Mitarbeitern am 24. Dezember in unserem Haus das bevorstehende Fest feierte. Er bot uns an, einen Baum aus der Dekoration eines Konsumgeschäftes in Hainichen zu holen, "aber nicht vor Ladenschluss!" -  Das war damals 14.00 Uhr.

Meine vier Jahre ältere Schwester und ich gingen in verschiedene Konsum-Geschäfte, um einen geeigneten Baum für uns herauszusuchen. Als wir dann kurz vor 14.00 Uhr im Konsum-Laden am Bahnhofsplatz erschienen, um den Baum "zurückzuputzen" und  ihn dann nach Hause zu tragen, protestierten die Verkäuferinnen und meinten etwas ungehalten "nun nehmt schon den Baum, wir wollen auch nach Hause". Als wir dann mit dem noch halb geschmückten Baum nach Hause liefen, fragten uns einige Leute "wo gibt's denn angeputzte Weihnachtsbäume zu kaufen?".

Am Nachmittag des Heiligen Abends ging es nach dem Kaffetrinken - natürlich mit Stollen - zur  Christvesper in die Hainichner Trinitatiskirche. Schon als Kinder haben wir die schönen Weihnachtslieder gern mitgesungen. Nach dem Ende der Vesper bliesen Bläser vom Kirchturm, es rieselte oft etwas Schnee und man wünschte sich gegenseitig vor der Kirche frohe, gesegnete Feiertage. In einer Kleinstadt wie Hainichen kannte natürlich fast jeder jeden.

In einem Jahr haben meine Schulfreunde Wolfgang und Immo mit mir zur Nachmittagschristmette mit Krippenspiel die "Drei Heiligen Könige" gespielt - ich den Mohren Melchior. Statt, dass mein Gesicht mit Farbe geschwärzt wurde, bekam ich einen schwarzen Nylonstrumpf über das Gesicht gezogen und dazu einen Turban aus einem gelben Frottee-Handtuch gesteckt. Das Gesicht ist dabei ziemlich entstellt und schlitzäugig. Man kann sich vorstellen, daß sich die anderen beiden Könige bei meinem Anblick sehr zusammenreißen mussten, um nicht laut loszulachen.                                                              
Von der Christvesper zu Hause angekommen, wurde beschert. Natürlich zuerst wir Kinder. Meist gab es praktische Dinge, wie Hemden, Unterwäsche oder auch mal einen Anorak. Daneben aber auch Spielsachen, Bücher und Naschereien. Unsere Mutter hatte auch immer ein paar Apfelsinen ergattert - Mangelware, die es nur um die Weihnachtszeit gab.

An eine Bescherung kann ich mich ganz besonders gut erinnern. Es muss 1951/1952 gewesen sein, ich war also etwa 10 Jahre alt. Meine Schwester und ich wurden ins Wohnzimmer geführt, die Wachs- und Wunderkerzen brannten am Baum, und jeder von uns ging zu seinen Geschenken. Ich hatte unter anderem einen Gummiball bekommen und war trotz der guten Weihnachtsstimmung etwas enttäuscht. Die Eltern merkten das und sagten "nun schau doch mal hinter den Tisch". Ja, da war die Freude riesengroß. Da lief eine elektrische Eisenbahn im Kreis! Es war eine Modelleisenbahn der Marke Piko Spur 00. Der Schienenstrang auf einem etwa 2x1m großem Brett befestigt, das im Zimmer gerade noch Platz gefunden hatte. Natürlich war das die nächsten Tage und Wochen mein liebstes Spielzeug. Jedes Jahr wurde die Anlage durch Kauf von Schienen, Weichen, Signalen, Tunnels, Häuschen, Wagen oder einer neuen  Lokomotive erweitert.

Nach der Bescherung von uns Kindern haben wir auch die Eltern beschenkt, obwohl unsere Mutter immer mahnte "kauft nichts und spart euer Geld". Meine Schwester hatte mir meist ein Weihnachtslied oder ein Gedicht eingeübt, das ich vortragen musste. Dann haben wir die in Weihnachtspapier eingewickelten Kleinigkeiten auf den Gabentisch gelegt.

Jetzt mahnte unsere Mutter zum Abendbrot. Traditionell gab es Kartoffelsalat und  Würstchen, dazu Scheiben von rohem Schinken, Ölsardinen, feine Salamiwurst und selbstgemachtes Gänsefett. Dazu wurde Bier getrunken.

Durch den vielen Trubel in der Vorweihnachtszeit, das "Rennen" nach Geschenken und das "Reinemachen" der Wohnung, waren die Eltern ziemlich am Ende ihrer Kräfte. Sobald sie mit dem Abräumen des Abendbrottisches fertig waren und in einem Sessel Platz genommen hatten, nickten sie ein.

Der Festtagsbraten war immer eine Gans. Es war jedes Jahr ein Hochgenuss, auch wenn wir zu viert am 1. und 2. Feiertag davon essen mussten. Unsere Mutter bereitete den "Vogel" am Heiligen Abend oder einen Tag vorher zu. Das Gänseklein (Hals, Flügel, Herz, Leber und Magen) wurde am 24. Dezember mit Reis oder Nudeln zum Mittag gegessen. Die Gans wurde mit Salz eingerieben, kurz gekocht und dann nur mit Beifußkraut gebraten. Mutter schwitzte gehörig dabei, da die Gans in den ersten Jahren in einem kohlegefeuerten Küchenherd, später erst in einem Gasherd gebraten wurde. Zum Gänsebraten gab es Rotkraut und grüne Klöße. Dafür mussten etwa 20 große Kartoffeln geschält, mit der Hand gerieben und trocken gequetscht werden. Das war Aufgabe unseres Vaters. Das Ausquetschen erleichterte er sich, in dem er den Kartoffelsack mit den geriebenen Kartoffeln gleich in die Wäscheschleuder steckte.                                                                       

Die Tage zwischen dem Weihnachtsfest und Silvester waren mit die schönsten im Jahr - keine Schule, immer gutes Essen, Treffen mit Freunden zum gemeinsamen Skifahren oder Rodeln. Die ersten "Schier" für mich hatte ein Stellmacher im Ort aus Eschenholz gefertigt. Sie hatten eine Lederriemchenbindung, die oft riss. Da musste geflickt werden. Außerhalb der Skisaison  mussten die Spitzen und Sohlen der Skier gespannt werden.

Es muss etwa 1957 gewesen sein, als mir mein Schulfreund Egon in eben diesen Tagen zwischen Weihnachten und dem Jahreswechsel eine Dreigangschaltung und eine Lampe mit eingebautem Tacho an mein Fahrrad eingebaut hat. Die luxuriösen Fahrradteile hatte ich mir zur Kinderweihnachtsfeier der Barkaswerke, dem Betrieb meines Vaters, gewünscht. Die Weihnachtsfeier fand immer Tage vor dem Fest statt. Den Kindern der Betriebsangehörigen wurde eine Theateraufführung geboten und sie bekamen Getränke, Stollen und Süßigkeiten. Jedes Kind erhielt noch ein Geschenk nach Wunsch, wobei  die Eltern die Geschenke kauften und schön verpackten, der Betrieb gab eine bestimmte Geldsumme zum Geschenk dazu.

Ich denke, meine Erinnerungen zeigen, dass man auch ohne großen Reichtum froh, zufrieden und glücklich sein kann, wenn man sich gegenseitig achtet und Liebe gibt.

Der Autor verbrachte seine Kindheit in Hainichen und lebt seit 1964 in Dresden.

 

► Zurück zum Adventskalender

 

Bereits veröffentlichte Weihnachtsgeschichten:

► Weihnachten im Erzgebirge

► Schiene Beschering nooch Weihnachten

► Weihnachten

► Herrnhuter oder Von der Schwierigkeit, eine Tradition zu etablieren

► Wundersame Holzfiguren

► Ein unverhoffter Gast

► Weihnachten 2011

► Die Handschuhe des Weihnachtsmanns

► Tims Vorweihnachtskummer

► Ein zauberhafter Winterabend

► Der ertappte Weihnachtsbaumdieb

► Der Weihnachtsbaum

► Weihnachtserinnerungen

► Dr Lichterengel un dr Bergmaa

► Weihnachten

► Heiligabend anno 1953

► Ein Karpfen namens Friedolin

► Der "schreckliche" Heilige Abend

► Begegnung der dritten Art

► Weihnachtsduft

► Alle Jahre wieder

► Der kleine Pfiffikus

Weitere Weihnachtsgeschichten:

► Das Posaunenspiel

► Die Puppe

► Eine unglaublich wahre Weihnachtsgeschichte

► Und es waren Hirten auf dem Felde

► Willy Webers Weihnachtswunsch

► Ausreißer

► Schneemann

► Ein gelungener Schultag

► Bescherung einmal anders

► Der vorverlegte Weihnachtsabend

► Christkindlmarkt

► Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 1947

► Weihnachtsmarktbesuch

► Jahr für Jahr

► Mein schönster Heiligabend

► Christkinds getreuer Knecht

► Scheinbar ein Tag wie jeder andere

► Der unglückliche kleine Stern

► Weihnachten auf hoher See

► Weihnachtszauber

► Kriegsweihnacht 1943

► Eine "scheene Bescherung"

 

 
erschienen am 22.12.2011 (Von Jobst Henker aus Dresden)
 
Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
Artikel weiter empfehlen
Veranstaltungen in der Adventszeit

Im Weihnachtsland Erzgebirge erwarten Sie viele schöne Märkte, Konzerte und traditionelle Feste.

Zum Veranstaltungskalender

 
Unterkünfte im Gastgeberverzeichnis

Passende Unterkünfte im Erzgebirge oder Vogtland zur Weihnachtszeit einfach und schnell finden.

Zum Gastgeberverzeichnis