Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 1947

Weihnachten steht vor der Tür und damit stehen die alljährlichen Räumaktionen an, die man im Erzgebirge erleben muss und sicher nur dort so erleben kann. Dafür ist das Erzgebirge ja auch für seine Weihnachten schon weltbekannt. Die Männeln werden aufgeweckt, die Schwibbögen aufgestellt, die Krippen aufgebaut. Am Samstag vor dem 1. Advent geht es zwischen Wohnung, Boden und Keller den ganzen Tag hin und her, treppauf und treppab. Auch bei uns, denn ich habe einen echten Erzgebirger geheiratet! Echten weihnachtlichen Glanz habe ich erst im Erzgebirge erlebt.

Aufgewachsen mitten in der Großstadt war für mich die Weihnachtszeit mehr Hektik und Stress. Meine alleinerziehende Mutter hatte keine Zeit für weihnachtliche Gefühle, wenn sie als Briefträgerin in Erfurt Weihnachtspost austragen musste, denn bei Briefen und Karten blieb es damals nicht. Kleine Päckchen mussten auch in der schweren Ledertasche eines Briefträgers mit befördert werden. Und das alles zu Fuß. Da ging es am Heiligen Abend viele Stunden und viele Stufen treppauf und treppab, denn Briefkasten gab es nur in den seltensten Fällen. Wenn unsere Mutter kurz vor 18 Uhr mit den letzten Einkäufen bepackt auch noch die drei Stockwerke bis zu unserer Wohnung geschafft hatte, dann hatte sie es noch nicht geschafft, sondern sie musste total geschafft noch drei Kinder versorgen, siebenjährige Zwillinge und den behinderten l3-jährigen Sohn.

Traditionell gab es bei uns am Heiligen Abend Kartoffelsalat, der natürlich selbst gemacht werden musste, denn zu dieser Zeit gab es noch keine Lebensmittel-Fertiggerichte. Es kam auch vor, dass wir Kinder 18 Uhr ängstlich auf unsere Mutter warteten. Wir gingen vor‘s Haus, sahen die Lichter auf festlich geschmückten Weihnachtsbäumen im Nachbarhaus und hofften nicht wie andere Kinder auf das Erscheinen des Weihnachtsmanns, sondern auf das Erscheinen unserer Mutter. Wie an jenem Abend, als sie von einem Arzt gebracht wurde, weil sie im Treppenhaus eines Mietshauses mit einem Kreislaufkollaps zusammengebrochen war. Die Folge des langen Sitzens im zugigen Treppenhaus war dann eine starke Lungenentzündung. Bei drei kleinen Kindern war natürlich an lange Bettruhe nicht zu denken, schon bald ging es wieder treppauf und treppab.

Wie konnten wir unserer geplagten Mutter in diesem Jahr zum Weihnachtsfest etwas Gutes tun? Unser 13-jähriger Bruder hatte die Idee! "Wenn Mutti heute nach Hause kommt, soll sie sich über eine warme Stube freuen!" Kohlen lagen im Kohlekasten bereit. Dass das die Reserve für die ganze Woche war, wussten wir natürlich nicht. Sechs fleißige Kinderhände konnten endlich mit großer Mühe ein Feuer entfachen und mit Vorfreude auf die Freude unserer Mutter warf jeder von uns ein paar Kohlen in den hohen Ofen. Als die ersten Kohlen erglühten, schauten wir mit Begeisterung immer wieder in das Ofenloch. Gleich würden die oberen auch erglühen und die Wärme, die unsere Mutter empfangen sollte, würde ihre Augen vor Freude zum Glühen bringen.

Weit gefehlt! Was wussten Kinder in dieser schweren Zeit von den Nöten einer Kriegswitwe mit drei kleinen Kindern? Mit einem Aufschrei stürzte unsere Mutter in die Wohnung und auf den eisernen Ofen zu, riss die fast glühende Ofentür auf und griff mit bloßen Händen in das Innere des Ofens. Drei Kohlen polterten auf den Fußboden, verbreiteten Rauch, Gestank und Schmutz überall. Mutter trampelte mit den einzigen Schuhen, die sie besaß, die Glut auf dem Boden aus, setzte sich dann auf den Boden und weinte. Wir drei standen sprachlos daneben und verstanden nicht, was hier geschah! Dem nun folgenden Befehl: "Ab ins Bett!" kamen wir wortlos und eilends nach. Was war nur los, was hatten wir falsch gemacht? Zeit und Geduld für ein klärendes Gespräch hatte unsere Mutter nicht. Es gab für sie nur den einen Gedanken: Wie kriege ich in den nächsten Tagen nur so viel Wärme her, dass mir die Wasserrohre nicht einfrieren? Wir Kinder hatten ein anderes Problem: Wenn wir wieder zur Schule müssen, müssen wir wieder jeden Tag eine Kohle mitbringen.

Was wird unsere Lehrerin sagen, wenn wir ohne Kohle kommen? Unsere Mutter hatte jedenfalls gesagt: "Für die Schule habe ich keine Kohle mehr." Wie können wir der Lehrerin ohne die obligatorisch geforderte Kohle entgegentreten? Das Schicksal kam uns zu Hilfe. Am nächsten Schultag wurden wir an der Schultür vom Hausmeister empfangen, der uns mitteilte, dass der Unterricht ausfällt. Es hatte eine Havarie gegeben. Also schnell nach Hause! In der Schule wäre es dank der Kohle, die jeder Schüler mitzubringen hatte, an diesem Vormittag wenigstens warm gewesen, aber was jetzt zu Hause?

Bei minus 15 Grad in der Stadt rumlaufen? In den wenigen Geschäften konnte man sich auch nicht aufwärmen. Die Verkäufer  standen mit Mantel und Handschuhen hinter dem Ladentisch. Also doch nach Hause! Keine Kohlen mehr im Keller, einen Gasherd gab es auch nicht. Elektrisch heizen? Wie? Irgendwann hatte unsere Mutter mal erzählt, dass Strom wärmen kann. Und Wärme steigt nach oben! Da kam sie - die Erleuchtung.

Wir schalteten am hellichten Tag die Küchenlampe an, jede schnappte sich einen Stuhl, stieg mit diesem auf den Küchentisch und setzte sich unter die einzige Wärmequelle, die wir hatten. Dann nahm ich das einzige Buch, das ich hatte, mein Lesebuch, und wärmte mich in Gedanken am Feuer von Rumpelstilzchen, träumte vom warmen Brot, das die Goldmarie aus dem Ofen zog. Auf einmal ging die Tür auf und unsere Mutter stand von uns völlig unerwartet in der Tür. Normalerweise kam sie erst am Abend von der Arbeit. Schuldbewusst sprangen wir mit unseren Stühlen vom Tisch. Aber diesmal gab es keine Strafpredigt.

Unsere Mutter umarmte uns und mit Tränen in den Augen sagte sie: "Guckt mal, was ich mitgebracht habe!" Sie holte ein ganz warmes und duftendes Dreipfundbrot aus ihrer großen Posttasche und während sie glücklich für jeden von uns eine dicke Schnitte abschnitt, erzählte sie, wie sie zu diesem unverhofften Glück gekommen war. Auf ihrem Postweg war ein Lieferwagen mit offenen Türen an ihr vorbeigefahren und direkt vor ihre Füße waren drei Brote gepoltert. Eines davon konnte schnell in ihrer Posttasche verschwinden und verschwand jetzt in unseren hungrigen Mägen. Wenn man schon friert, sollte man nicht auch noch hungern müssen!

 
erschienen am 22.12.2011 (Von Rosemarie Schubert aus Sehmatal-Cranzahl)
 
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